Literatur

Schreibstörung

2003

 

Am Anfang einer Geschichte steht meistens eine Person. In diesem Falle ist es Herr Juppkoweit. Ich kenne ihn noch nicht, aber ich weiß, dass er gleich in mein Leben treten wird, um darin statt zu finden.



Ich werde ihn der Einfachheit halber Jupp rufen. Im Gegensatz zu seinem martialischen Aussehen ist er ein sanfter Mensch. Aber wer weiß das schon! Wenn er mich unter den struppigen Augenbrauen hervor ansieht, möchte ich ihn lieber nicht kennen lernen. Er ist so groß, dass er mir leicht den Weg versperren könnte, und seine Pranken könnten mich wie eine Wanze zerdrücken. Ich lächle ihn an. Er lächelt nicht zurück. Hebt nur eine Augenbraue. Das Gesicht eine Faltenlandschaft mit zuckenden Muskeln. Er wartet. ≥Äh, Herr Juppkoweit...„ setze ich an.

Er zieht die Augenbraue herunter, sie verdüstert seinen Blick. ≥Ich will gar nichts anderes von ihnen als eine Geschichte.„ sage ich entschuldigend und lächle erneut.

 

≥Geschichte?„ bellt er mit einer Stimme wie rostiges Eisen. Es kostet mich Mühe, weiter zu sprechen.

≥Ja, nun. Ich bin Autorin, Herr Juppkoweit und...„ Er senkt seinen Kopf. Hätte er Hörner, würde ich jetzt auf der anderen Seite der Arena nach einer Fluchtmöglichkeit suchen.

≥Welcher Arena!?„ bellt Jupp.

≥Hihi... Die, die ich gerade erfunden habe. Ich dachte gerade, wenn Sie Hörner hätten, dann...„

Er bellt noch einmal. Huch, nein ˆ er lacht. Es klingt wie eine Elefantendame, die trotz einer heftigen Halsentzündung trompeten will. Ich merke, dass ich einen Schritt zurück weiche. Vielleicht hilft es, wenn ich mich an die Wand presse. Er macht eine Bewegung. Mir bricht der Schweiß aus. Was, wenn er mich nun schlägt?!



Jupp wischt sich eine Träne aus dem linken Auge. ≥Was wollen Sie von mir: eine Geschichte? Was soll das! Sie erfinden doch dauernd welche.„ knirscht er dann. Er wirkt erstaunt.

≥Ja, das ist es ja eben. Ich habe Ladehemmung.„ gestehe ich kleinlaut. Er lacht schon wieder.

≥Schreibstörung heißt das!„ meint er dann mit pädagogischer Akkuratesse. ≥Ach was! Sie doch nicht.„ fügt er dann hinzu. Na so was! Da sitze ich seit Tagen vor dem leeren Blatt, und meinen Hirnwindungen entspringt nichts als verbale Wüste ˆ und da behauptet er, ich erfinde meine Schreibstörung. ≥Genau!„ sagt er.



Solche Dialoge machen mich nervös. Kein Mensch würde es wagen, so einen Dialog zu erfinden. Zu schlecht. Lappige Satzform, verkrampfte Verben. Und überhaupt. Hier wird mein Problem weiträumig ignoriert und ein neues entsteht. Wie werde ich diesen Kerl los? Scheinbar richtet er es sich bequem ein in diesem Gespräch. Er setzt sich auf die unterste Stufe, so dass ich nicht vorbei kann. Seine langen Beine versperren die Türe. Ich lehne mich gegen die Wand, entspanne meine schmerzenden Schultern. Ob die hilflose Tour zieht? Och bitte, lieber Jupp, lassen Sie mich doch vorbei? Warum habe ich vorher nie bemerkt, dass er aufdringlich ist?



Wie er mich da so ansieht, macht er mir Angst. Ein interessantes Gesicht. Haare akkurat gescheitelt, Augenbrauen buschig, darunter zu tief liegende Augen von dunkler Farbe, ein schmaler Mund. Er wirkt so, als wolle er gleich im rüdesten Kasernenton eine Horde ungehobelter Rekruten vor sich her durch die Sümpfe scheuchen, bis er sie zu einem Format geschliffen hat, das brauchbar ist. Wie konnte ich denken, dass so ein Mann mir eine Geschichte gibt? Einfach so? Vielleicht sollte ich lieber an meinen Schreibtisch zurück kehren und an meinen Nägeln herumkauen. Es ist schon schwer genug, Autorin sein und zu wissen, dass man noch keinen einzigen Pfennig mit der Schreiberei verdient hat. Noch mehr Probleme braucht man da wirklich nicht.

 

≥Was machen Sie eigentlich beruflich?„ frage ich Jupp ganz in Gedanken. ≥Nun, ich sitze in meinem Büro herum und kaue an meinem Bleistift, und wenn jemand eine Schreibstörung hat, dann gehe ich hin und beseitige sie. Ich bin so etwas wie ein Gedankenklempner.„ sagt er ganz ernsthaft.

Ich staune. Ich hatte keine Ahnung, dass es so etwas überhaupt gibt. In diesem Moment klingelt ein Handy. Er angelt es aus den Tiefen seiner Tasche. Es spielt eine kleine Melodie von Mozart. Mit leisem Bedauern im Blick hält Jupp es an sein Ohr.

≥Ja, gut ˆ ich komme dann gleich.„ sagt er und sieht auf die Uhr.



≥Jemand anderes braucht mich. In Bremen.„ sagt er.

≥Hey, Sie können doch nicht einfach so gehen, mitten im Gespräch. Gerade dachte ich, Sie sind im Grunde doch ein netter Kerl und wollte Sie allerlei fragen. Und jetzt müssen Sie gehen! Das ist nicht fair!„ schimpfte ich.

≥Nun mal halblang. Ich habe doch meine Aufgabe erfüllt, oder!?„ sagt er gelassen und steht auf.

≥Welche Aufgabe?„ frage ich verdattert.

≥Na, Sie wollten doch eine Geschichte haben.„

≥Ja, klar! Und wo bitte soll die gewesen sein?„ kontere ich empört. Austricksen lasse ich mich nicht. Wenn er deswegen gekommen ist, dann bitte soll er diese Leistung auch erbringen.

≥Meine Güte, sind Sie eine zähe Patientin. Sie haben doch eben die ganze Zeit mitgeschrieben. Glauben Sie etwa, ich hätte das nicht gesehen?„ blafft er und öffnet die Türe. Mit einem Nicken ist er draußen. So ein ungehobelter Mensch! Ich glaube nächstes Mal, wenn ich eine Schreibstörung habe, erfinde ich wen Netteres. Der Unterhaltungswert von Jupp war nicht besonders hoch. Jedenfalls nicht für mich. Von wegen Geschichte! Unter einer Geschichte stelle ich mir dann doch noch ein bisschen was anderes vor. Na ja. Was soll man in so einer Welt schon anderes erwarten, als abgespeist zu werden? Ich drehe mich um und will in meine Wohnung zurück gehen. Vielleicht kurbelt eine Tasse Roibusch-Tee meine Gedanken-Warteschleifen ja an. Auf dem Boden liegt ein kleines weißes Kärtchen. Ist diesem Jupp wohl aus der Tasche gefallen, als er das Handy herauszog. Und soll ich Ihnen sagen, was darauf stand? Na?

 

≥Worte werden wahrer, wenn wir wissen, was wir wollen!„



Was er mir damit wohl sagen wollte...

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