Literatur

Nacherzählung meines Büchleins "Meine Welt, deine Welt, Dritte Welt, Um- und ganze Welt"

Es handelt sich um ein alternatives, besinnlich-heiteres, leicht autobiographisches Haushaltungsbuch, das aus drei Teilen besteht: Ernährung, Recyclingbasteln und Kinderbeilage. Leider können die Illustrationen in diese Anthologie aus technischen Gründen nicht abgedruckt werden.

 

0.   Vorwort

 

Da das ursprüngliche Vorwort nicht jedermanns Sache sein dürfte (es leidet an einem Stich ins Religiöse) habe ich es durch einige Vorbemerkungen zur Entstehungsgeschichte des Büchleins ersetzt, in der ich die These vertrete, dass das gesündeste Rezept auch das mitweltbezogenste ist. Zu einem späteren Zeitpunkt habe ich anstelle des Vorworts ein „Mittewort“ eingeschoben.

 

1.   Ernährung

 

Damit die Verwirklichung der Eingangsthese nicht genussfeindlich wird, stehen an erster Stelle Schlemmertrennkostrezepte, -Trennkost verstanden als alternativer Ernährungsstil.

 Darauf folgen elf Seiten Ausführungen zu einem Alternativen Rezept „Dörrobstsalat“, durch eine wohlschmeckende Marinade aus Schwarztee, Honig, Nelken usw. verfeinert.

 

Das Kapitel enthält drei Einschübe: 1. über den alternativen Süssstoff Stevia, 2. Essen und Sucht, 3. Anekdoten zur  gelegentlich eigenen Diskrepanz von Theorie und Praxis – ein Indiz dafür, dass das Büchlein nicht immer ganz ernst, sondern als Scherz gemeint ist; dass es trotz ernsthaften Hintergründen fröhlich bleibt. Denn Lebenskunst dürfte u.a. darin bestehen, vor lauter (Mit-)leiden nicht selber das Gleichgewicht zu verlieren.

 

Ich zitiere den Anfang der Ausführungen zu einem weiteren Kapitel „Alternatives Eiweiss“:

„Es…muss auf die Errungenschaften hingewiesen werden, die auf der Suche nach neuen Eiweissquellen geschaffen wurde, indem durch Gärung ein dem Champignon verwandter Schimmelpilz gezüchtet wurde. Das hat den Nachteil, dass das sehr fein schmeckende, mit Poulet-oder Fischfleisch vergleichbare Produkt relativ schwer verdaulich ist…. „ Das Produkt heisst Quorn, das erste Rezept in diesem Kapitel nennt sich Quornhackbraten.

 

Eine weitere Gruppe Rezepte widmet sich dem Thema „ungebackene Dünnen“, andernorts auch Kuchen, Fladen oder Wähe genannt  Grund: Backen ist energieaufwendiger und erfordert bei alten Backöfen deren Reinigung….Herstellung nach dem Prinzip: Griessbrei herstellen, auf ein Blech giessen, erstarren lassen und einem Belag, z.B. eingelegte Pflaumen bedecken, Das Kapitel besteht aus 18 weiteren Rezepten mit anderen Böden und Belagen – von afrikanischen bis russischen Varianten.

 

Kleie ist ein Mehlersatz und umweltfreundlich, da es sich um ein ursprüngliches Abfallprodukt handelt. Das erste Rezept heisst Kleiebrötchen und wird aus Eischnee und Kleie hergestellt, gewürzt und in kleinen Portionen in der Bratpfanne mit wenig Pflanzenöl gebraten.

 

Abrundende Gedanken schliessen den Ernährungsteil, sie betreffen beispielsweise Erörterungen zum Fisch- und Fleischgenuss.

 

 

Ein ausführliches Beispiel für ein Kapitel aus dem Ernährungsteil:

 

Süssstoffe

Es fällt auf, dass das Rezept „Dörrobstsalat“ statt Zucker Honig verwendet. Das mag zum einen geschmackliche Gründe haben – und solche zählen immer auch bei der Freude am

Alternativen Kochen und Basteln. Oekologie soll im Sinn der Einleitung die Genussfähigkeit

nicht beeinträchtigen. Zum andern lässt der Ersatz von Zucker durch Honig vermuten, dass gesundheitliche Bedenken gegen Zucker bestehen, die Honig aber möglicherweise nicht ausreichend löst. Festzuhalten bleibt freilich, dass die Gewinnung von Honig ökologischer sein dürfte, arbeitsintensiv und häufig von Kleinunternehmen betrieben, während Zucker eher energieaufwendig in Zuckerrohrplantagen von Grossgrundbesitzern  gewonnen wird, hohe Transportkosten verursacht und auch im Unterschied zur Honiggewinnung eine Menge Land beabsprucht, das nicht für Monokulturen gerodet werden müsste, zumal unraffinierter Zucker das gesundheitliche Problem auch nicht zu lösen vermag. Gesundheitliche Bedenken bestehen möglicherweise auch in der Verwendung von künstlichem Süssstoff wie Assugrin. Ausserdem soll dieses appetitanregend wirken, was auf der Nordhalbkugel eher wenig wünschenswert ist.

Möglich, dass der neu wiederentdeckte pflanzliche Süssstoff Stevia mit praktisch null Kalorien eine Lösung bringt….Gesundheitliche Bedenken gegen das uralte Aztekenkraut scheint die WHO zerstreut zu haben, sie scheinen vorwiegend aus Kreisen der Zuckerindustrie zu kommen, wie bei Quorn (s.unten) von Seiten der Fleischindustrie.

Stevia ist sehr viel süsser als Zucker, hat den Vorteil, dass es vorwiegend von Kleinbauern der

Dritten Welt angebaut wird und als arbeitsintensiver Produkt Arbeitsplätze schafft. Entsprechend ist Stevia aber wie einheimischer Honig ziemlich bis sehr teuer. Es hinterlässt auch wie Assugrin einen etwas lakritzenartigen Nachgeschmack, an den man sich aber gewöhnen kann. Ein Nachteil von Stevia: es eignet sich wie Assugrin nicht für alle Gerichte und Gebäcke. Gelieren und Karamelisieren sind unmöglich. Andererseits kommt das im Vergleich zum Tiefkühlen energiesparende Konservieren mit Stevia auf. Stevia ist in Drogerien und in Onlineshops erhältlich, als Blätter, Flüssigkeit, Granulat oder Pulver. Grosse Getränkefirmen wie Coca Cola sollen sich mit der Einführung von Stevia befassen. Das Beispiel zeigt, dass es unangebracht ist, „die“ Industrie oder „die“ Wirtschaft in einen Topf zu werfen. Die anstehenden Probleme erfordern ein Zusammenwirken aller Kräfte; Zusammenarbeit, nicht Konfrontation ist gefragt.

 

Es gibt eigene Koch- und Backkurse mit Stevia, auf www.prostevia.ch. Achtung: Es bestehen bei unterschiedlichen Händlern beträchtliche  Preisunterschiede. Verunreinigtes Stevia kann gesundheitliche Probleme verursachen. Stevia ist nicht winterhart, kann aber in Töpfen auf der eigenen, sonnigen Terrasse selber angebaut werden. Nähere Informationen im Buch von B. Simonsohn, Stevia, sündhaft gut, und urgesund. Aitrang 2000

2.   Recyclingbasteln

Da zur Ernährung auch die Verpackung gehört, besteht der zweite Teil des Büchleins zur Hauptsache aus Anleitungen zum Recyclingbasteln. Grundlagen sind weitgehend aus Plastiktüten hergestellte Plastikfolien.

 

Beispiele:

 

Sitzsack:

Sehr grossen Sack aus Plastikfolien herstellen, mit zerknülltem Zeitungspapier oder noch besser Verpackungsstyroporkügelchen füllen – gemäss Internetanleitung mit einem alten, gefärbten Laken überziehen. http://handarbeit.schnugis.net/naehen/hocker/sitzsack-styroporfuellung.html

 

Drachen aus Plastikfolie: siehe Skizze www.bauanleitungen.ch/deko_drachen.php

 

 

Sitzwürfel, -block

 

Zeitungen in der Hälfte falten und gefaltete Hälften solange aufeinander schichten, bis ein Quader entsteht. Evtl. Zwischenlagen nach je vier Zentimeter leimen oder den Quader mit einem Klebeband fixieren. Plastikfolie von entsprechender Grösse ausschneiden und den Quader wie ein Paket damit einpacken und anleimen.

 

Küchenschürze:

 

Anleitung:Schnittmuster herstellen, indem ein quadratisches Papier von ca. 90 cm Seitenlänge

in einer Mittellinie gefaltet wirt. Von ihr aus für das Oberteil eine Markierung von 15 cm machen.

Vom unteren Rand an den offenen Seiten eine Markierung von 65 cm anbringen. Die beiden Markierungen durch einen Bogen nach innen verbinden und ausschneiden. Das Schnittmuster auf eine in der Mittellinie gefaltete Plastikfolie geben, die wegen des Saumes etwas grösser sein muss als das Schnittmuster: Unten 6, sonst 4cm zugeben. An den Rändern des Bogens in regelmässigen Abständen 3 mal 3 cm Einschnitte anbringen. Säume heften oder kleben, jene der Bogen zuletzt.

An den Enden der Bogen Schlitze offenlassen, durch die ein 3 Meter langes Band gezogen wird. Am untern Ende eines Bogens anfangen, zum oberen durchziehen (z.B. mit Hilfe eine Haarspange oder Sicherheitsnadel), zum oberen Ende des andern Bogens gehen (nur so weit anspannen dass der Kopf noch durchgeht), dann das Band zum untern Ende des ogens führen. Schürzen umbind und mit den Bandenden auf auf dem Rücken eine Masche bilden.

 

Ein Abschnitt aus dem „Mittewort“ und weiteren Nachträgen:

„…für alle, die sich verpflichten, eine verantwortungsvollen Haushalt anzustreben, ist ein Haushalts-(und Erziehungs-)lohn zu fordern. Es gibt viel zu viele „Stellenbesitzer“, Menschen, die aus Finanz-,Prestige- und ähnlichen Gründen „arbeiten“. Es wird viel zu viel produziert (Rohstoffverschleiss, Müllberge als Folge…“

 

3.   Kinderbeilage

 

Ein Verslein aus der Kinderbeilage zum Thema Hochstammbaum:

 

 

Was im Hochstammbaum geschieht (im Original ist fast jede Zeile mit einem Bild illustriert):

 

Ein Hochstammbaum steht ganz allein.

Da fliegt ein kleiner Spatz hinein.

Kommt die Spätzin noch hinzu,

ist’s bald fertig mit der Ruh!

Die beiden bauen jetzt ein Nest

Und feiern bald ein Eierfest.

Die beiden brüten Tag und Nacht,

bis sehr es in den Schalen kracht.

Der Hochstammbaum ist voll Geschrei:

Wo denn nur das Futter sei.

Schnell sind die Spatzen nicht mehr klein,

Im Hochstammbaum, da lebt’s sich fein.

Der Vater schimpft: Aus ist der Traum,

sucht euch einen andern Hochstammbaum.

   

Das Büchlein ist erschienen im Verlag novumpro 2010 und kostet Fr.20.- (exkl.Versand)

Hilde forumuliert Korrekturen an ihrem zweiten Buch unter dem Namen Hedwig Schweizer wirbt um Verständnis für ihr zweites Buch und Ladenhüter. Er ist sehr interdisziplinär, Will wie die Ziege im Märchen für jeden etwas bringen, es jedem recht machen, so dass es am Ende für jede(n) etwas hat, aber auch für jede(n) auch etwas Anstössiges, so dass es keiner mehr haben will. Das Buch hat unbewusste Vorbilder, die Hilde erst im Nachhinein klar wurden. Paten könnte ihm Kathrin Rüegg mit dem Band ?Was die Grossmutter noch wusste?, der Vorgänger der Claro-Läden u Bücher (der viel besser ist als die Trade-fair-Claroprodukte) die Kampfschrift der Alpeninitiave mit Rezepten mit dem Titel ?Es kocht in den Alpen?.
Hilde macht in ihrem zweiten Band zu wenig klar, worauf sie am Ende hinaus will: es hätte sich als Hinführung zum Religiösen verstanden wissen wollen. Beten würde demnach zum Denken für andere ?hinuntergeschraubt?. Ausserdem ist sich Hilde ab und zu zuwenig im Klaren über sich selber. So schreibt sie an einer Stelle, bei ihrem Humor handle es sich nicht um Galgenhumor. Nachträglich muss sie sich eingestehen, dass es sich eindeutig um Galgenhumor handelt. Das Buch enthält die Praxis zu einer noch ungeschriebenen Theorie, wie sie im dritten Buch ?Und die Erde wurde schön und voll? berücksichtigt wirden





Ein Buch, das weder Fisch noch Vogel ist,
ist gewiss ein riesengrosser Mist.
Nicht tierisch ernst für Graue und Bestandne,
ein Kinderbuch nur ganz am Rande.
Praxis mit viel Theorie bestückt,
Wichtig ist nicht das Rezept, das glückt.
Mehr die Freude am sich selber Hören,
Um den Leser leise aufzustören.
Und die Quintessenz von allem lautet,
falls ihr Leser kautet und verdautet:
ob man bastelt oder isst:
Erlaubt ist nur, was nicht verboten ist,
da nur Gott das Hobeln ohne Späne kann.
Er sei dem Buch ein Ombudsmann,
dass es nicht Schädliches enthalte
und der Leser mit gewisser Vorsicht walte.

 

 

Auszüge aus dem dritten Buch:

 

Und die Erde wurde schön und voll








Gedanken und Gedichte

in östlicher Form und mit westlichem Inhalt
















Hedwig Schweizer-Illi














Meinen Geschwistern und dem Andenken an unsere Eltern




































Mein Dank geht an Claudine Saurer, Übersetzerin und Redaktorin, für die Durchsicht des Typoskripts, und Kathrin Hasler-Pflugshaupt, Theologin und Schreibgruppenleiterin, für alle Anregungen. Sie führte mich ein in die japanischen Kleinformen und in die Idee, sie christlich zu füllen. Ich danke auch allen PCHeinzelmännchen in meinem Hintergrund.







Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Tabubrüche 5

0. Echte Haiku oder Ein Bouquet von und für Gott 9

1. Christliche ?Haiku? oder Senryu 15
Exkurs: Aphorismen 21
Ende der Aphorismen 25

2. Glaubensbekenntnisse und Kommentare 48
2.1 Einige Senryu als Ausgangspunkt für ein Glaubensbekenntnis 48
2.2 Kommentare zu den Senryu im Einzelnen 52

3. Senryu zu geistlichen Liedern und Texten oder am Anfang war das Wort 73/74
3.1 Lieder und Texte aus dem RG 73
Vorbemerkung
3.1.1 Lieder aus dem RG 73
3.1.2 Zwischentexte aus dem RG 107
3,1,3 Bibeltexte aus dem RG 111
3.2 Lieder aus dem KGB 117
3.3 Lieder aus ?So gross ist der Herr? 122
3.4 Lieder aus ?Dir singen wir? 127
3.5 Lieder aus rgk 132

4. Menschliches und Zwischenmenschliches 135
4.1 Senryu zum Thema ?Genießen, Begegnung, Nähe? 135
4.1.1 Aus der Vogelperspektive
4.1.2 Nahrung 136
4.1.3 Jahreszeiten 137
4.1.4 Behinderung 139
4.2 Der andere Ton 140
4.3 Hamann und die Postmodernen145









Vorwort

Tabubrüche



Der erste Tabubruch

Seit im Lauf der Geschichte das Vernunftdenken aufgekommen ist, also im 18. Jahrhundert (wenn man von ähnlichen Bewegungen in der Antike absieht), gilt es als Tabu, jemanden nach seiner Religion zu fragen. Nach dem Glauben oder Unglauben eines Menschen fragt man noch weniger als nach Besitz und Sexualität. Religion gilt als Privatsache. Gläubige, die es trotz Vernunftdenken, sogenannter Aufklärung, auch heute noch gibt, haben allerdings eine andere Auffassung, es heißt etwa, Glauben brauche die Gemeinschaft und das Miteinander in der Gemeinde, und dazu müsse man sich öffnen.
Meine Motivation, das Tabu zu brechen und – vor allem in Kapitel 2.1 – doch
von (meinem) Glauben zu sprechen, ist eine andere als die jener eben beschriebenen Gläubigen. Ich könnte meine Meinung gut für mich behalten. Aber meine Lebenserfahrung legt eine andere Praxis nahe. Seit meiner Pubertät beschäftigte mich die Frage, ob ich etwas glaube, und ob ich das Richtige glaube. Die Frage war quälend, sie war meine Lebensfrage, von der ich vielleicht so intensiv geplagt wurde wie Luther von der Frage, wie er Gott gnädig stimmen könne, oder Calvin von der Frage, woran man erkenne, zu welchem guten oder bösen Schicksal man nach dem Tod komme.
Nun glaube ich nicht, Luther oder Calvin zu sein oder dass jeder von solchen Lebensfragen gequält werde wie ich. Aber jedenfalls war ich von einem tiefen Zwiespalt zwischen Wollen und Können geprägt. Ich hätte gern geglaubt, konnte aber nicht. Durch Höhen und Tiefen meines Lebens, durch intensives Nachdenken (nicht im Sinn von Leistung, sondern von einem unabschüttelbaren Gepacktsein von meiner Frage) meine ich, doch zu einem größeren Können gelangt zu sein. Mit diesem Können möchte ich mich nicht brüsten, aber vielleicht ist es etwas vom Wenigen, das ich in diesem Leben kann. Ich habe dazu wahrscheinlich größere Chancen gehabt als Menschen, die anderes können, was ich nicht kann (z.B. Lebenspraktisches, Autofahren, Selbständig für meinen Lebensunterhalt sorgen, selbständig den Haushalt und die Körperpflege machen – ich bin so genannte Fachfrau mit Behinderungen), und so halte ich mit meinem bisschen Können im Sinn eines Austausches nicht hinter dem Berg, oder um mit der Bibel zu sprechen – ich stelle mein Licht nicht unter den Scheffel. Ich versuche, mit einem gesunden Selbstwertgefühl mein Können zu leben. Es könnte ja sein, dass Mitmenschen aus Gefühlen der Überforderung so große Fragen gar nicht zu stellen wagen, weil sie ja noch anderes zu tun haben als von Gott und der Welt zu quatschen, und weil sie meine Fragen für unbeantwortbar halten und heimlich von ihnen noch mehr geplagt werden als ich. Daher gebe ich meine sicher nur vorläufigen Antwortversuche preis, es könnte ja sein, dass sie jemand nachempfinden könnte und sich dadurch erleichtert fühlt. Grundsätzlich ist nicht in Abrede zu stellen, dass unsere Zeit an Orientierungslosigkeit leidet. Seit dem Zweiten Weltkrieg, seit Auschwitz, seit Vietnam und seit einem gewissen Niedergang des Marxismus sind wir alle ein bisschen bis sehr verstört (die jüngste Zeit, die von Philosophen die Postmoderne genannt wird, das heißt die Zeit nach der Moderne oder Neuzeit, meint, dass immer alle Antworten auf widersprüchliche Fragen möglich sind), und so meine ich, dass im Wirrwarr der Postmoderne eine hoffentlich klare Stimme nicht schaden kann, und ich bin auch im vornherein bereit, klar anzugeben, in welche Richtung die Stimme gehen wird: ich versuche ein offenes, aber bestimmtes Christentum zu vertreten, das die Fragen der Neuzeit zur Kenntnis genommen hat und nicht verdrängt.


Der zweite Tabubruch

Seit Luther und dem von ihm beeinflussten Christentum sind Gottesbeweise verpönt. Denken und Glauben sind für ihn unvereinbare Gegensätze. Bedingungsloser Glauben ist gefragt. Luther denkt aber nicht daran, wie lange er Theologe war, bis er seine Thesen in Wittenberg anschlagen konnte, und wie sehr er der Mentalität nach immer Mönch blieb. Ebenso würde man Thomas von Aquin, den Luther ablehnt, missverstehen, wenn man seine Theologie nicht auch als Auseinandersetzung mit einer anderen, damals als überlegen geltende Kultur, nämlich der arabischen, auffassen würde – genau so, wie sich moderne evangelische Theologie auch mit andern Philosophien, Weltanschauungen und Religionen auseinandersetzt und dabei außerchristliche Elemente aufnimmt, z.B. psychologische (s. dazu Paulus: prüfet alles, das Gute aber behaltet). Persönlich meine ich, dass Gottesbeweise möglich, aber nicht unbedingt nötig sind, um zum Glauben zu kommen. Ich halte mich an das thomanische Diktum ?Der Glaube übersteigt die Vernunft, aber er widerspricht ihr nicht?. Es ist für mich kein Tabu, Glaube und Vernunft für völlig unversöhnliche Widersprüche zu halten. Ich gebe zu, es gibt gekonntere Gottesbeweise, als ich sie im drittletzten Teil ausführen werde, aber da der Rückgriff auf die Scholastik so ungewohnt ist, lasse ich es bei den einfachen, vordergründigen Versuchen bewenden.
Ein Beispiel für einen solchen Gottesbeweis ist die sogenannte negative Theologie: man kann aufzählen, was alles Gott nicht ist, und nach diesem Ausschlussverfahren erahnen, wie Gott ist. Konkret – um nur eine der Möglichkeiten aufzugreifen: Hamann hat Kant widerlegt, die Marxisten haben Hegel widerlegt (bzw. vom Kopf auf die Füße gestellt), die Postmodernen haben die Marxisten widerlegt , und ?ich? ( im Scherz geredet) habe, nicht ohne unbewusste Anleihen bei Hamann, Karl Barth und anderen – ich habe die Postmodernen widerlegt: wenn sie nicht glauben würden, dass es wahr ist, dass es verschiedene Wahrheiten gibt, würden die Postmodernen gar nicht schreiben und diskutieren. Ich bin also zurückgekommen auf Hamann, der trotz oder wegen der Aufklärung überzeugter evangelischer Christ blieb, aber seinerseits (bewusst oder unbewusst?) zurückgreift auf Thomas von Aquin (gegen Luther).
Allerdings ist festzuhalten, dass ich mit den postmodernen Philosophen darin einig bin, dass sich nichts, bzw. nicht alles in Worte fassen lässt.


Der dritte Tabubruch

Ich versuche, meine Inhalte in Gedichtform zu fassen. Das ist nicht mehr oder vielleicht noch nicht modern. Seit dem späten 18. Jahrhundert ist es modern, von der Autonomie der Kunst zu sprechen. Ein Kunstwerk soll selbständig sein, für sich selber stehen und sprechen, aus sich selber verständlich sein, nicht einem ?höheren Zweck? wie der Verkündigung des Glaubens dienen, wie das vor der Aufklärung der Fall war. Meine Form der Kunst ist klar Zweckform, wie es etwa die Kunst des Marxisten Bertolt Brecht war (bei ihm diente sie der ?Verkündigung? der Theorien von Karl Marx). Meine zugegebenermaßen bescheidene Kunst dient klar der Verkündigung meines oben umschriebenen Glaubens aus den erwähnten Gründen. Sie will daher nicht aus sich selbst verständlich sein. Daher füge ich meinen Gedichten (auf mehrfachen Wunsch meiner Umwelt) im drittletzten Teil des Buches umfassende Erklärungen an. ?Man? tut sonst so etwas nicht, vor allem nicht, wenn ein Kunstwerk autonom sein will oder muss (sonst gilt es seit der Klassik meistens nicht als Kunst). Ich meine damit nicht, dass meine Deutungen die einzig richtigen seien. Ein Kunstwerk ist immer vielschichtig und mehrdeutig, und jeder Leser hat die Freiheit, noch anderes herauszulesen als der Schreiber beabsichtigt hat. Aber ich füge meine Deutungen an, damit meine Gedichte nicht noch unverständlicher werden, als es die traditionellen religiösen Aussagen an und für sich schon sind.
Warum ich mich überhaupt in Gedichten und nicht in normalen Sätzen ausdrücke, die jeder versteht? Eben weil Religion nicht ohne weiteres verstehbar, in Worte zu fassen ist, schon deshalb nicht, weil man nicht alles gleichzeitig sagen kann. Die Sprache der Gedichte kann das besser, weil sie in Bildern spricht.


Der vierte Tabubruch

Ich (miss-)brauche Haiku für Verkündigungen. Dies wird von den Japanern höchstwahrscheinlich als Vergewaltigung und Diebstahl empfunden, was der vierte Tabubruch ist. Ich kann meine Praxis nur damit entschuldigen, dass sie im Sinne eines Austausches zwischen den Kulturen fast nicht anders möglich ist, dass sich Kulturen immer gegenseitig beeinflussen, und dass hoffentlich die Japaner unsere womöglich schwächeren Formen zum Ausdruck ihrer Auffassungen auch brauchen oder wenigstens in ihrer Schwäche kritisieren werden. Ralph-Dieter Wuthenow schreibt in seinem Vorwort zur Bashô-Ausgabe, dass man die japanische Sprache bis in ihre letzte Wurzeln kennen müsste, japanisch denken lernen und wahrscheinlich sogar Buddhist werden müsste, um (Basho Haiku zu verstehen, was ich für ein Ding der Unmöglichkeit halte. Warum also nicht die Verschiedenheit der Epochen und Kulturen als Verschiedenheit bestehen lassen und aus ihr etwas Andersartiges schaffen?
Außerdem ist die japanische Gattung auch wieder nicht so harmlos und unproblematisch, wie es auf Anhieb ihrer Leichtigkeit wegen scheinen möchte. Das Internet dokumentiert mehrere Quellen, die darauf verweisen, dass der Haiku in einer Zeit beibehalten werden konnte, in der sich Japan aus wirtschaftlichen Gründen nach außen stark abschottete, und die Kunstform wurde im Zeitalter des japanischen Ultranationalismus nicht ohne Gewalt verteidigt.
Die Geister scheiden sich an der Frage, ob der Haiku eine buddhistische Zweckform oder absolute Kunst ist (vgl. Yuko Murato in Gontran Peer, haiku zeitgemäß, Schweinfurt 2009) Gegen die Mehrheit der Stimmen wage ich zu behaupten, dass man Bashô nicht als Gewährsmann für die absolute Kunst nehmen kann, nur weil er sich am Ende seines Lebens nicht buddhistisch verhielt. Er hielt sich ja und vielleicht eben aus diesem Grund für verrückt und er war und voll Ärger auf sich selber. Obwohl meine Haikus ästhetisch hinter den klassischen Hochformen herhinken, habe ich mich aus den oben erwähnten Gründen für die Zweckform entschieden als kleine Gegenleistung für die Toleranz, um die ich den Leser für meine Ansichten bitte:
Als Zugeständnis jedoch am Anfang einige echte Haiku. Ersparen kann man sich die obigen Bedenken, Haiku zweckzuentfremden, wenn man sie Senryu nennt. Wikipedia zitiert Gewährsmänner, die die Beschränkung des Haiku auf Konkretes für veraltet halten.
Was noch dazu kommt: eine Gattung, die nur ihren Regeln entspricht, muss nach der unter Tabubruch 5 erwähnten Linguistik und Literaturwissenschaft als trivial betrachtet werden (wenn zu den Regeln nichts Neues hinzukommt). Ralph-Rainer Wuthenow spricht in ähnlichem Zusammenhang von Manierismus.


Der fünfte Tabubruch

Die Argumentation im zweiten Teil nimmt ihren Ausgang vom Inhalt und nicht, wie es seit dem so genannten Strukturalismus üblich ist, von der Form. Strukturalismus nennt sich eine auf Anfang des letzten Jahrhunderts zurückgehende Sprach- und Literaturwissenschaft. Sie fragt nicht nur, was ein Dichter schreibt (Inhalt), sondern wie er schreibt (Form). Bei einer Zweckform ist der Inhalt wichtiger.


Der sechste Tabubruch

Wer A sagt, muss nicht B sagen. Ich erlaube mir, eine Reihe von Gedichten unkommentiert und für sich selber sprechen zu lassen. Gedichte müssen nicht unbedingt von ihrer Intention her interpretiert werden, die Interpretation kann auch von der (den AutorInnen unbewussten) Wirkung ausgehen.

Zu meiner Entlastung ist auch anzumerken, dass ich nicht die Erste bin, die die obigen Tabubrüche begeht. Schon 2007 legte Friederike Michelsen eine Arbeit mit dem Titel ?Christliche Haikus? vor, nicht ohne Einleitung, die mindestens andeutungsweise in die Richtung dieses Vorworts gehen.
Vor allem aber haben meine Haiku Anregung durch die unveröffentlichten und mich künstlerisch sehr ansprechenden Gedichte von Kathrin Haslerempfangen.


Der siebte Tabubruch

Ich brauche mich von fundamentalistischen Mitchristen nicht angegriffen zu fühlen, nur weil ich mich zuweilen auch nicht in einer speziell christlichen Terminologie ausdrücke.
Ein Fazit, das sich aus den ?Tabubrüchen? auch ziehen lässt: Wer sich lieber über den Kopf als über das Gefühl ansprechen lässt, kann vor dem zweiten Teil den dritten lesen.


Der achte Tabubruch

Viele meiner Informationen stammen aus Predigten, so vielen, dass ich sie manchmal nicht genau zitieren kann. Predigten, die ich gehört habe, scheinen mir Allgemeingut zu sein.




0. Echte Haiku oder Ein Bouquet von und für Gott



Wiesenschaumkraut

Das Wiesenschaumkraut
Streut Sternchen auf die Erde.
Der Frühling geht auf.


Gartenakelei

Eine Akelei
Schaukelt im Wind. Ihr Glöcklein
Schlägt hellgelb in Rot.


Hyazinthen

Auf dem Fensterbrett
Quellen Zwiebeln. Sie wachsen
Zu Hyazinthen.


Quellen

Quellen entlassen
Bäche, zum See strömende.
Berge bergen ihn


Wald

Strahlen fallen schräg
Und silbern zwischen Stämme
Orgelpfeifen gleich.


Flechten

Flechten und Moose
Färben Felsen rötlich-grün.
Sie schützen Käfer.


Fledermaus

Wolken zerfallen,
Der Mond erhebt sein Gesicht,
Die Fledermaus schielt.


Frauensprache

Das Waldkäuzchen ruft
?Uhu?. Sein Weibchen ?kiwitt?.
Genderprobleme?


Wetterseiten

An Wetterseiten
Blasen Winde Felsen nackt
Im hohlen Echo.


Frühling

Eiszapfen tropfen,
Nester werden gepolstert.
Der Fuchsbau geht auf.


Kartoffelkäfer

Kartoffelkäfer
Glänzen auf Stauden
Der Knollenfrüchte.


Weinlaub

Weinlaub färbt Mauern
Rot-gold. Mörtel wird Kupfer
Und die Sonne sinkt.


Wegwarten

Wegwarten winken
Dem Wanderer. Sie wurzeln
Tief wie Chicorée.


Zichorien

Die Zichorien
Wachsen wild an Wegrändern.
Der Kaffee wird schal.


Lindenbäume

Die Lindenbäume
Streben zum Himmel, der sich
Mit Duftwolken füllt.


Lampionfrüchte

Lampionfrüchte
Zeichnen Herzen aus Pflanzen
Auf steinigen Grund.


Schatten

Das Licht der Sonne
Wirft grünliche Schatten durch
Grünliche Eichen.


Löwenzahn (nach Christine Busta?)

Löwenzahnblüten
Schmücken Wiesen mit Sonnen
Für Kinderhände.


Blütenblätter

Vier Blütenblätter
Hingehaucht ans Seeufer
Versinken lautlos.


Kastanien

Die Kastanien
Kullern rund über den Weg.
Ein Kind spielt Fußball.


Schmetterlingsflügel

Schmetterlingsflügel
Wippen seidig auf und zu
Kopf und Leib ruhen.


Pflaumenbäume (Plagiat?)

Die Pflaumenbäume
Blicken mit blauen Augen
Aus grünen Wimpern.


Eis

Eis unter Schritten
Splittert hörbar in Stücke.
Die Lache war tief.


Gewitter

Ein Blitz zuckt heftig
Vom Seeufer zum andern.
Donner grollt rollend.


Noli me tangere!

Rühr-mich-nicht an blüht
Gelb und trägt zugleich Früchte,
die ans Fell springen.





1. Christliche ?Haiku? oder Senryu



Trotzdem

Die Juden sagten:
Wir sprechen Gott schuldig,
Wir wollen beten.


Ursprung

Der Urknall erklärt.
Die alte Geschichte singt
Von sanfter Geburt.


Subjektivität

Depression glaubt nicht.
Glaube macht fröhlich. Glaube
Ist Frage der Stimmung.

Eine Tuschzeichnung
Besteht aus schwarzen Strichen
Und weißen Flächen

Regenbogenbunt
Glaube ist weder schwarz noch grau.
Weiß ohne Schatten.


Glauben und Wissen

Auch der glaubt etwas,
Welcher glaubt, dass er nichts glaubt.
Wissen endet bald.


Im Dunkeln wirft man keine Schatten.


Die arme Witwe

Der Groschen, er fällt
Auf verlorenen Boden
Beim Aufprall singt er.


Zwei Witwengeschichten in einer

Witwe ohne Zahn
Der Zeit und Ewigkeit weint
Groschen ins Kissen.






Exil

Nebukadnezar
Trank achtlos kostbarsten Wein
Mit Tränen gepanscht.


Guter allmächtiger Gott ?

Die Sintflut zuerst,
Darauf nur wirft der Sänger
Alle Schuld auf Gott.

Opferung Isaaks:
Katastrophe und Rettung,
Gottvater ist schuld.

Erfahrung von Leid
Steht am Anfang der Lieder.
Deutung kommt später.


Zwei Wirklichkeiten

Entstehung der Erde
Nicht erklärt, doch gesungen
Gott ist Grund und Lied.


Schmuck

Babel ist Fassung
Aus Erz, umklammernd das Volk
Gleich einer Perle.

Fassung aus Erz
Umklammert Rot von Rubin,
Das Volk wird geadelt.


Joachim

Joakim heißt:
Gott richtet auf (die Kreuze,
Doch auch die Menschen).


Die Schwächsten

Auserwähltes Volk
Geschunden als das Kleinste,
Zur Heilung bestimmt


Wege

Geh weg von Fahrstraßen
Auf staubige Gehwege
Und schreite sie rein.


Der erste Schöpfungstag

Herr, es wird Abend,
Spät beginnt der Schöpfungstag.
Gott schafft in Nachtschicht.




Aus Kirchenliedern, RG

Gottes Wort steht quer.
Mist und Most im Kirchenlied,
Nur Stammeln vor Gott.


Zu Lied 435 im RG

Christe eleison
Unser aller in Todesnot
Sei uns Lebensboot.


Joche

Mein Joch ist sanft

Wen eine Krippe trug,
Braucht nicht Nester und Höhlen,
Urvertrauen reicht.

Das harte Joch

Jedes Joch ist schwer,
Das allein getragen wird.
Menschen tragen sehr.


Das Schilfmeer

Dürre Schilfwellen
Pflastern den Grund des Meeres,
Das sich ausweinte.

?Moi tout seule allein?
Liegt ?Mutter seelenallein?
Am Schilfmeerboden.


Abraham

Milchstraßenvolk,
Ans Ufer gespülter Sand,
Vom Versprechen getrieben.


Karfreitag

Gespaltener Stamm
Isais, zum Kreuz gebrochen,
Schreit unter Äxten.


Zu Lied 436 im RG

Fruchtbares Leben
Zeitigt früh Dankopfer
Und Lebensfreude.


Am Anfang

Gottes Geist, nicht Gott
Schwebt über Urfluten.
Auch Wasser ist heil.


Die Bibel als Mythos

Das Rote Meer
Trägt schwarzweiß Ledischiffe
Nach Schneewittchenart.


Tränen

Träne um Träne
Auf Samtwangen hingeperlt.
Erstarrung löst sich.

Tau auf den Wangen
Groß ist die Not, doch nachher
Geht?s wieder besser.

Flackernde Lichter
In dunkle Höhlen gelegt,
Künden den Weinkrampf.

Fließt, fließt, fließt Tropfen
Spült den Kummer weg ins Meer
Der Liebe Gottes.

Eine Träne tropft
Auf die Hand, die nie zuschlug.
Sie öffnet sich blühend.



Exkurs: Aphorismen


Grammatik

Du und ich haben kein Geschlecht, nur er, sie, es.


Zu Goethe

Verdienen lerne beizeiten das Weib,denn es verdient Liebe.


Die Frau

Die Frau kommt zum Wort,
Wenn das Wort zur Frau kommt.

Frauen müssen nicht immer das rechte Wort zur rechten Zeit haben, sie dürfen auch schweigen.

Das letzte Wort der Frau ist oft nicht das rechte.

Wenn Männer schreien,
Schweigen Frauen lauter.

Die Frau hat keine eigene Logik,
Nur eine eigene Wirklichkeit.

Die Frau ist das Herz der Gemeinde.

Wenn Töchter erwachsen werden, kommen manche Mütter ins erste Fragealter.

Eine Frau hat immer ein Kind mehr als sie geboren hat, nämlich jenes, das die Kinder zeugte.

Die sanfte Geburt:
Alte Evas ausziehen
Für neue Männer.

Wort und Sakrament
Sollen Frauen beschenken,
Arbeit den Männern.
Verkündigung ist Schwerarbeit.

Überforderung:
Mehrfach- und Doppelrollen,
Emanzen passt auf!

Nicht Frauenrechte, sondern Frauenvorrechte sollte frau verlangen.

Die Frau soll und darf ruhen in der Gemeinde.

Frauen müssen in Gottes Namen Männer lebendig schweigen.

Worte, nicht Unworte sollen die Frau zum Schweigen bringen.

Wer mehr schweigt, erfährt mehr.

Sind Männer verschwiegener, weil sie mehr zu verschweigen haben?

Ein Mann ein Wort, eine Frau ein Gedicht.

Gagaga und kikeriki
Kiwitt kiwitt uhu, uhu
Männer krähen, Frauen gackern. Reden müssen beide lernen. Nicht nur im Tierreich.

Wenn Männer reden, schweigen Frauen oft an Wände.

Eva soll ausziehen
Aus dem Land der Mägdeschaft,
In die Freiheit der ungleichen Schwesterlichkeit.

Gleiche Arbeit., gleicher Lohn
Gott die Mutter, Gottes Sohn
Gleiche Ruhezeiten für den Geist
Gleiche Rechte fordern ist nicht dreist.

Mündiger werden heißt fündiger werden.

Die Frau soll ruhen
In der Männergemeinde
Und Wellness empfangen.

Man(n) soll beten und arbeiten,
Frau beten, lieben und geliebt werden.


Frau II

Man( frau) muss oft ein anderes Wort sprechen, damit nicht ein Wort das andere gibt.

Verschwiegene Tatsachen machen Frauen nicht schweigend.

Schweigen ist Gold, Gott ist der Goldschmied.
Schweigen ist Gold, seine Bearbeitung muss der Partner leisten.

In manchen Häusern ist der Beruf des Sohnes oder der Beruf der Tochter ein schwerer Beruf.



Karfreitag als Festtag

Menschen opfern Gott,
Doch ihr Geschenk ist zu groß
Und Gott opfert dem Mensch.


Schuldbekenntnisse

Gott gibt Freundschaft,
Doch wir bestehen auf Leid,
Das uns von ihm trennt.

Gott hört die Klagen,
Doch wir zürnen nur schweigend
Dem Opferrauch nach.

Gott war Einsamkeit,
Bevor er den Menschen erschuf.
Einsam bleibt Gott.


Der eifersüchtige Gott

Gott ist Einzelkind,
Eifersüchtig auf Eltern,
Die er selber ist.

Gott ist verborgen,
Auch Gotteshaussegen
Können schief hängen.

Gottes Wort ist mehr
Als ein Tropfen auf den Stein,
Der lodert vor Hass.

Gottes Wort ist Eis,
Das vor Liebe taut.


Klage

Ani teffilah
Weil mir die Stimme versagt.
Mein Gott singe selbst.


Der geschlagene Sieger

Gottes Kampf mit uns
Ist Kampf um uns. Doch Jakob
Kämpft um sich selber.


Heilige

Heilige Menschen
Führen mich näher zu Gott
Durch ihre Liebe.


Heilige Rita

Heilige Rita
Du rosenfingerige
Mitten im Winter.







Hl. Thomas

Der du die Kirche
Auf Händen trägst, hegst und pflegst,
noch schreibend im Bad.


Ewigkeit

Ewiger Schnee taut,
Eisblumen gehen dahin
Jenseits der Zukunft.


Psalmen

Im finstern Tal
Schlagen die Stäbe nicht zu,
Nichts ab, aber aus.

Im finsteren Tal
Öffnen Knospen sich endlos.
Stäbe brechen aus.


Schilfmeer II (für Kathrin)

Ruhendes Schilfmeer
Mit Gottes Hilfe getrocknet
Im Knien von Hand.


Der gute Hirt

Lamm Gottes auf Schultern
Des Hirten hingelagert
Auf Himmelsweiden.


Die Speisung der Fünftausend

Fische und Brote
Krümeln sich auf dem Boden
Der Liebe endlos.


Wüste

Du machst Wasser fest
Aus perlendem Fels quillt es
Gottes Stab zieht mit.


Gott

Vater pflügt den Schlamm
Der Wüstenschiffe von Ur
Zum wogenden Nil.


Schilfmeer

Der Ostwind biegt Schilf
Zu gebrochenen Garben
Sie flüstern das Wort.


Weisheit

Der Weg, die Wahrheit
Und das Leben ist nicht wüst
Und leer, aber LEICHT.


Schilfmeer

Schritte dreschen Schilf
Zu auserwählten Blüten.
Ihr Leben geht auf.


Vergänglichkeit

Bestehen vergehen,
Das ist der Welten Lauf.
Verwehen und sehen:
Der Abendstern geht auf!


Schilfmeer

Fische im Schilfmeer
Überleben die Wüste
Gleich Jüngern im Sturm.

Schilf ist auserwählt
Unter allen Geschöpfen.
Es trägt beim Schwimmen.

Neste von Vögeln
Geflochten aus Schilf bergen
Das Huhn und das Ei.

Das Kästchen im Schilf
Ist der Erstgeburt Höhle,
Krippe von Moses.

Ich lege mein Haupt
Auf Schilf, himmelwärts schreiend,
Lebensbaumartig.

Der Nil überschwemmt
Das Schilf, dem er am Hals steht
Wenn er es ernährt.


Schönheit und Glauben
(Name einer Organisation für junge Frauen im Dritten Reich)

Auf-ver-stehung geschieht,

Wenn auch saubere Blätter modern, um den Schatz der Vergebung zu bergen.

Wenn auch die Tempel der Seelen restauriert werden.

Wenn der zertretene Docht wieder angezündet wird.

Wenn auch der Scheffel verbrennt.

Wenn Hemden nicht in Unschuld gewaschen werden.

Wenn das Salz der Natur auch Salz der Schöpfung ist.

Wenn Liebe nur ein gebrauchtes, aber nicht mehr missbrauchtes Wort wird.

Maria denkt mit dem Herzen,
Überrollt vom Untergott,
Überwältigt vom Untergraben irdischer Mächte,
Erahnte Unterwelt
Die das Ich überschwemmen wird
Mit Endzeitsängsten.
Doch ein Mitgott wischt alle Tränen ab,
Siehe Maria, mich Deine Tochter!

Die Herrlichkeit Gottes


Mandala

Gestillte Tränen
Ins Lichtermeer getropft.
Kreisen Ecken ein.


Himmel als Vater, Vater im Himmel

Himmel und Erde
Von Blitz und Donner durchzuckt
Versinken in Gott.


Etymologie

Sünde sondert ab
Besonders Gott und Menschen
Und Menschen vom Mensch.


Ein anderes Gleichnis

Nacht erstickt mich
Regen frisst das Licht wie ein Tier,
Doch der Scheffel schützt.


Minarette

Wer Angst macht, hat Angst
Und wer Angst hat, spürt Enge.
Der Himmel ist weit.


Palmsonntag

Macht die Straße grad!
Und bindet die Eselin los!
Sie steht nicht am Berg
Der Sorgen, der sich breit macht.
Versetzt ihn ins Nichts!


Sentimentalität im Quadrat?

Herz und Herz
Wer erklärts? Und wer erräts?
Schmerz Jesu ist tot!

Nicht Anatomie
Ist es, die zählt. Heilig ist
Das lebende Herz.


Das All

Die Erde dreht sich
Unter Himmelsrundgängen.
Milchstrassen tanzen.


Katechismus

Der einzige Trost
Im Leben und im Sterben
Wirkt unendlichmal.


Lohn

Gottes Gebote
Sind immer Angebote.
Erfüllung erfüllt.


Gaben

Gott gab die Schale
Gemacht zu hüllen den Kern
Beides hält ewig.


Noah

Der große Aufbruch
In Archen für alle.
Der Bogen gelingt.


Ökumene

Wo zwei oder drei
Voll von gutem Willen sind,
Geht der Weg weiter.


Ostermorgen

Das leere Grab schreit
Der Engel stillt die Wunde,
Die Frauen schweigen.


Feministisches Gleichnis

Liebende Henne
Auferstehend mit Kücklein
Faltet die Flügel.


Palmsonntag

Aus den Palmzweigen
Wächst ein bitterer Stamm auf.
Empor zum Himmel

.
Ostern

Das Grab im Garten
Duftet nach Klang und Bildern,
Der Gärtner ist froh.


Ostern II

Das Grab zeigt morgens
Linnen mit Sonnenkringeln
Spiegelnd den Himmel.


Ostern III

Das Grab im Garten
Ist schon offen, lässt hoffen
Auf den Ostertag.


Ostern IV

Das Grab im Garten
Lässt keine Zweifel offen:
Jesus ist Christus.


Ostern V

Nur die Zuversicht
Glaubt an das leere Grab,
Glaubt die Leere des Grabes
Sei Beweis genug.


Ostern VI

Das Grab schillert leer
Tau leuchtet im Morgenblau
Christus aufersteht.


Ostern VII

Das Grab schwebt zweifelnd
Zwischen Hoffnung und Ängsten.
Hoffnung ist stärker.


Ostern VIII

Der Engel schiebt sich
Zwischen Jesus und die Frauen
Und verhütet den Schock.


Ostern IX

Nebel trällert noch
Deckt das leere Grab mit Flaum
Aus Engelsflügeln.


Ostern X

Die Sonne geht auf
Über den Frauen am Grab.
Der Engel geht weg.


Ostern XI

Frauen, wen sucht ihr?
Der Gärtner sät Blutkörner
Gewachsen am Holz.


Ostern XII

Vorhänge zittern
Am Grab, spinnwebengewirkt.
Sie öffnen sich sanft.


Individualismus

Der eigene Weg
Ist eine Gratwanderung
Im Sonnenaufgang.


Gleichnis

Der Schatz im Acker
Gleicht dem Sechser im Lotto,
Der Lottoschein trügt.


Gleichnis II

Der Schatz im Acker
Gleicht dem Tau in der Rose,
Doch der Schatz welkt nicht.


Markus 10,1

Er bricht von dort auf
Und nimmt die Wege Jenseits
Vom nährenden Fluss.


Psychologie

Länger als Ehen
Dauern Analysen,
Vom Tod nicht geschieden.


Moral

Ein Leib, zwei Seelen.
Was der Mensch zusammenfügt,
Wird Gott nicht scheiden.


Entwicklungspsychologie

Werdet nicht Kinder,
Sondern wie die Kinder,
Macht Pubertät durch!


Zwei ungleiche Schuhe

Hassen und Lieben
Sind oft zwei ungleiche Schuhe
Für den gleichen Fuß.


Gebet

Gott des Lebens, Gott der Liebe.
Nichts, dass Dir verborgen bliebe,
Erkenn mich völlig und
Erkenn mich ewig.

Gott des Lebens, Gott der Liebe,
Nichts, das je mich von Dir schiede.
Fang mich auf,
Wenn ich trotzdem von Dir schiede.


Noch einmal Ostern

Nicht der Tod zuletzt.
Gott tut für uns das Beste,
Schickt das Brot und Wein,
Wenn der Anfang naht.


Das zweite Buch

Wer im Buch der Schöpfung liest
Und wer versinkt in Jesus Christ
Wer Gottes Güte nicht vergisst,
Ist getrost zu jeder Frist.


Noch einmal Palmsonntag

Palmzweige klirren
Der Jubel schlägt bald schon zu
In verkehrten Hass.


Wort

Ein Wort, das nicht bricht
Verbindet Körper und Sinn
Zu Einer Einheit.

Wortwörtliches Wort
Wird wertlos, welkt weg im Wind,
Bild und Klang sind Eins.


Der gestillte Seesturm

Der Seesturm schweigt still
Und blies doch Fische ins Netz.
Auch Jesus stopft es.


Petrus

Jesus zieht am Netz
In das er Petrus berief.
Petrus bereut nicht


Judas

Judas, der Jünger,
Der am meisten liebte.
Er überholt links.


Glauben

Ich glaube an Gott
Ich und Gott, Gott und Ich, Ich
Ich, ich, ich, ich, ich.


Gott und Ich glauben aneinander.

Wir heben das Ich,
Das in der Mitte steht,
Die wir schaffen.


Gottes Name

Ich bin, der Ich bin.
Ich bin, der für euch ist.
Ich bin da für euch.
Ich werde sein, der ich war.


Kind Gottes

Ich bin Gottes Kind
Egoismus ist erlaubt,
Ich liebe mich selbst.


Schlechter Witz

In Gottes Namen
Bin ich das Huhn im Korb bei Ihm.
Ich schreibe Eier.


Gedicht

Jesus schafft den Stein
Für die Ehebrecherin
Auf den schmalen Weg.


Nochmals Ostern

Ein Grab voll Leere
Fängt Lichtfanfaren auf.
Sie blenden Menschen.


Die Salbung

Skandalöses Öl,
Zuerst das huren Fressen,
dann das Purpurkleid.


Nochmals Judas

Judas verzweifelt,
Denn Judas schießt über das Ziel.
Er liebt nur Jesus.

Sein Mahl mit Jesus
Kennt nicht das Doppelgebot.
Er liebt nur Jesus.

Fülle des Lebens
Überbordende Kelche
Judas ist allein.

Fülle des Lebens
Überqellende Worte
Judas bricht sie nicht.

Judas Burnout drückt
Und scheitert an Silberlingen
Den Armen getreu.


Geistiges Eigentum

Ich teile Worte
Aus der Bibel gestohlen
Die Bibel ist schön.


Nochmals Ostern

Die Hülle des Grabes
Entlässt den Tod ins Leben
Jenseits des Lebens.


Der verborgene Gott

Gott ist ganz anders.
Abgrund der Fragen voll Not.
Ewig unerklärt.

Gott bleibt verborgen
Den Menschen im Leid. Und stirbt
Den Gott-ist-tot-Tod


Hände

Gottes Hand betet.
Und ich berge mich darin
Meine Hand bebt nicht.


Geist

Der Geist und der Geist,
Mit dem man Geist ergründet,
Bleibt unergründbar.


Glauben und Wissen

Grenze des Wissens
Macht immer etwas glauben,
Führt immer zu Ihm.


Wunder

Wunder als Selbstzweck
Ist wie Heilung ohne Vergebung.


Dreischichtigkeit

Ähren am Sabbat
Leuchten wie rote Zahlen
Im Kalender.


Psalm 57

Klagen kippen um
Ins Lob, lastwagenweise.
Christus, Du Fahrer!


Unerbittlichkeit

Die Vernunft schneidet
Eiskalt und glasklar Glieder
Aus dem Leib Christi.


Alternative

Weisheit trägt Früchte
Zurück in die Handschale
Aus der sie entströmt.


Grenzen des Dschihad

Oliven fruchten
Unbrennbar in Allahs Hand.
Barmherzig ist Er.

Nichts rechtfertigt Gewalt

Elfter September
Gottes Hand lag schwer auf uns.
Doch kein Atomkrieg


David?

Einige Messer
Gegen die Spaßgesellschaft
Werden zu Bomben.


Nochmals Ökumene

Gott nimmt seine einmalige Liebestat
In Christus Jesus nur dann zurück,
Wenn sie in ihrer Radikalität Menschen überfordert.

Gott reduziert nur,
Ueberschwappende Liebe
Vor blendendem Licht.


Zorn und Eifer

Gott sucht im Eifer
Heim, wen er zu heiß liebt und
Mit Küssen erstickt.


Islam

Hingabe an Gott
?Nur?on Moslems vermittelt,
Doch wundervolle.

Barmherziger Gott
Versöhne Halbmond und Kreuz,
Tu wieder Wunder!


Qeré

Koran: ich rufe
Aus der Tiefe Golgathas.
Drei Völker, ein Gott.


Vernunftreligion

Vernunft des Korans
Kann tödlich sein wie manche,
Doch auch Allah lebt.


Judenchristentum unter umgekehrtem Vorzeichen

Paulus vor Petrus.
Einst. Und jetzt Peter und Paul
Der Augenblick jetzt.

Entscheidung zwischen
Sabbat und dem ersten Tag:
Fünftagewoche.

Christen esst koscher!
Esst kein Götzenopferfleisch,
Seid Christenjuden!

Beschneidung, Symbol
weiblicher Seelenseite
Im Patriarchat.

Taufe ist Symbol
Für Tod und Auferstehung
Beider Geschlechter.


Muttersprache

Worte fallen tief,
Aber selten ins Wasser,
Sie trocknen von selbst.
Brücken verbinden
Die Ufer der Liebenden
Und brechen nicht ab.

Zweige neigen sich
Über dem Bett des Baches,
Der nicht schweigt im Eis.


Buddhismus

Kritikfähigkeit
Führt zum ?Nirwana des Glücks?
Jenseits des Leidens.

Kritikfähigkeit
Als mittlerer Ausweg
Aus dem Nirwana.


Gandhi und Jesus

Gewaltlosigkeit,
Der gemeinsame Nenner,
Nicht dividierbar.


Echte Haiku (Plagiat?)

Goldene Blätter
Mit roten gemischt fallen
Auf braune Erde.

Pflaumenblauer See
Mit weißen Krönchen geschmückt
Klatscht ans Ufer.




2. Glaubensbekenntnisse, Kommentare

2.1 Einige Kurzgedichte als Ausgangspunkt für ein Glaubensbekenntnis


Die ersten Senryu (Selbstzitate s. Fußnoten): Wer es wagt, seit Aufklärung, Kriegen, Katastrophen den Namen Gottes in den Mund zu nehmen, sieht sich unausweichlich vor die alte Frage gestellt, warum Gott all das Leiden in der Welt zulässt. Die Zahl der möglichen Antworten ist beschränkt. Wer sich für sie interessiert, kann bei Wikipedia unter dem Stichwort Theodizee nachschauen. Fest steht – die Aufklärung scheint zu siegen – dass keine der Antworten ganz befriedigen können. Wenn es Menschen gibt, die dennoch an Gott oder sogar an Gottes Namen glauben, wider allem Anschein zum Trotz, dann scheint mir das so etwas wie eine Begabung, eine Frage der Stimmung zu sein (Senryu Subjektivität) denn es scheint mir, dass Menschen, die viel leiden, oft stärker an Gott glauben als Menschen, die es leichter haben.
Die Aufklärung scheint mir nicht nur eine Frage des glorreichen Aufbrechens zu sein, des Glaubens an den Sieg der Vernunft, sie kann wie eine Manie (Hochstimmung) schlagartig in Depression umschlagen, die an der Vernunft selber zweifelt. Die Philosophen Horkheimer und Adorno haben im letzten Jahrhundert eindrücklich klar gemacht, dass Aufklärung nicht glücklich macht. Wenn ich wider alle vordergründige Vernunft an Gott glaube, dann deshalb, weil ich glücklich sein will, weil ich Optimistin sein will und bin. Die Tatsache, dass der Glaube nicht von der Schwere des Leidens eines Menschen abhängt, erinnert an das zur Hälfte gefüllte oder geleerte Glas, das der Optimist als halb voll, der Pessimist als halb leer bezeichnet. Sinn kann sich auch trotz oder wegen des Leidens zeigen – unter der Voraussetzung, dass dieser Sinn von den Betroffenen selber ausgesprochen wird.
Fest stehen drei Dinge: das Leiden an und in der Welt ist letztlich nicht erklärbar, es würde heißen, dass Gott erklärbar ist, und das wäre Vermessenheit. Der erklärte Gott wäre kein Gott, sondern ein menschlicher Gott, ein Götze.
Fest steht aber auch: wir dürfen Gott klagen, die Psalmen klagen und sogar Jesus klagt am Kreuz. Möglicherweise dürfen wir Gott sogar an-klagen, wie es die Juden nach der Überlieferung im Konzentrationslager taten, und wie sie es schon im Ersten Testament tun. Leuenberger schreibt in seiner Auslegung des Glaubensbekenntnisses, dass zuerst die Erfahrung des Leidens, die Naturkatastrophe (die Sintflut), die Erfahrung, dass man ein Kind hergeben muss oder gar töten will (Isaak), gemacht wird, und erst nachher die Erklärung auf Gott geworfen wurde (Senryu Guter allmächtiger Gott): Gott verlangt oder schickt nicht das Leid, sondern die Erfahrung des Leids wird (selbst) gemacht und dann wird Gott als grausamer Gott erklärt. Jedenfalls scheint die Wut gegen Gott erlaubt zu sein, getreu einem alten Spruch: Du kannst Gott leugnen, du kannst Gott fluchen, du kannst gegen Gott schimpfen, du kannst ihn fliehen, du kannst Gott trotzen, aber du kannst nicht verhindern, dass er dich liebt. Ein Spruch, der ehrlich gesagt manchmal genügt, um mich manchmal trotzig zu machen. Manchmal hätte ich es lieber ohne Gott gemacht.
Drittens steht fest, dass wir, da das menschliche Wissen, so wie weit fortgetrieben auch immer, immer einmal an die Grenzen kommt, dass wir die letzten Dinge nicht wissen (wer erklärt das Gehirn, das erklärt? Senryu Glauben und Wissen bzw. Geist). Wegen der Beschränktheit unseres Wissens glauben wir immer etwas oder an etwas: Auch die Vernunft, die Gesellschaft, die Arbeiterklasse, Sexualität, Geld, Statussymbole, die Kunst, Sport können
vergöttlicht werden, Götzen sein.
Weil ich optimistisch bin und sein will (und mehr waren es noch die im ersten Senryu erwähnten Juden im Konzentrationslager), und da ich, wenn nicht religiös begabt, so doch religiös interessiert bin, glaube ich trotz Leid an den Gott, mit dem ich am besten fahre. Ich glaube, dass der christliche Glaube die optimistischste aller Weltanschauungen und Religionen ist. Ich glaube, dass man das Leben mit einer optimistischen Einstellung besser meistert als mit einer pessimistischen, oder, wie die Bibel sagt, wer da hat, dem wird gegeben werden, wer nicht hat, dem wird genommen werden (Mt 12,13). Außer dem sozialkritischen Aspekt der Äußerung steht vielleicht auch zur Diskussion: wer das Leben mit Optimismus, mit ?Selbstwertgefühl? usw. angeht, dem werden (mindestens innere) Gewinne noch vermehrt zuwachsen.
Ein anderer tröstlicher Sprich, den ich im Zusammenhang mit der Frage nach Gott seiner Allmacht und Güte angesichts des Leids schon gehört habe: Gott gibt die Last, er hilft auch tragen. Ich glaube, dass wir auch zu stark mit-leiden können. Wir sehen nie in einen anderen Menschen hinein. Wir kennen die womöglich größeren Kräfte eines Menschen nicht, die ihm womöglich gegeben sind, wenn sein Leiden größer oder wenigstens anders als unseres ist. Selbstverständlich darf eine solche Sinngebung des Leidens nie einem Leidenden in der Krise von außen ?verpasst? werden.
Zur Leidensbewältigung scheint mir wichtig, dass man so psychohygienisch und leibfreundlich wie möglich lebt. Sonst besteht die Gefahr, dass man unnötigerweise eigenes Leiden in fremdes projiziert, das heißt, in fremdem Leiden das eigene wahrnimmt, oder wie es in der Bibel heißt: was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders und des Balkens in deinem eigenen wirst du nicht gewahr? (Der Spruch muss sich nicht nur auf Sünde beziehen). Oder im eventuell bekanntesten Bibelwort: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst (Gehe auch mit dir selber achtsam um). Gewöhnlich ist dieser zweite Teil des so genannten Doppelgebotes der Liebe nachvollziehbarer als der erste: ?Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen ?? Ich freue mich, dass es mir gelungen ist, zuerst von Gott zu reden und dann vom Nächsten und mir selber.




Soviel zum ersten, dritten und vierten Senryu

Der zweite Senryu ?Ursprung? ist weniger schwer zugänglich. Es legt dar, dass sich Schöpfungsgeschichte und moderne Theoretische Physik (für viele ein unlösbarer Widerspruch) auf einer ganz anderen Ebene bewegen. Die moderne Physik will die Entstehung des Alls oder der Materie erklären. Ein solches Interesse hat die Frühzeit, in denen die biblischen Texte entstanden, noch nicht. Sie sind nicht auf Erklärung durch Gründe aus. Sie wollen besingen, sind Dichtung, wie auch die ältesten Teile der Bibel, die Lobgesänge Deborahs und Mirijams, Loblieder sind. Ebenso ist der Schöpfungsbericht Loblied. Loblied auf den Schöpfer und seine Schöpfung, die in ihrer ganzen Fülle ausgebreitet wird. Da ich glaube, dass das menschliche Wissen, wie weit auch immer fortgetrieben, per definitionem immer einmal auf Grenzen stößt , glaube ich auch, dass die Moderne Physik allem wissenschaftlichen Anstrich zum Trotz doch auch so etwas wie ein moderner Mythos ist (einer, der die Sprache ausklammert – übrigens hat Einstein die Sprache wegen ihrer Doppeldeutigkeit gehasst. Darum hat er sich in Musik und Naturwissenschaft ausgedrückt). Von dieser Grundunterscheidung Erklärung – Loblied, Dichtung, Darstellung abgesehen, lässt sich nicht in Abrede stellen, dass der biblische Mythos den Anfang viel behutsamer sieht und darstellt als die gewaltige Urknalltheorie. Außerdem lässt sich nicht in Abrede stellen, dass die Bibel schon weitgehend eine chronologische Reihenfolge kennt, ohne die die darwinistische Evolutionstheorie vielleicht gar nicht denkbar gewesen wäre. Die Entstehung des Alls kommt im Schöpfungsbericht vor seinen Bewohnern, die Pflanzen vor den Tieren, die Tiere des Meeres vor den Tieren des festen Landes, der Mensch nach den Tieren). Die Bibel widerspricht auch insofern nicht der Vernunft, als sie in ihrer Zeit fortschrittlich im Sinn von aufklärerisch ist: Waren in den umliegenden Religionen die Gestirne am Himmel Götter, sind sie in der Bibel ganz rational einfach Lichter.

So weit zu zwei der Hauptgründe, Gott abzulehnen. Ich hoffe, sie reichen wenigstens hin, um Gründe für Gott anzuführen. Nach Luthers Katechismus (also so eine Art Handbuch des Glaubens) erkennt man Gott an seinen Werken. Das eine Werk ist die Schöpfung, das andere Tod und Auferstehung des eingeborenen – das heißt des einzigen – Sohnes Gottes.
Wenden wir uns zuerst dem scheinbar schwierigeren Werk Gottes zu. Warum braucht Gott ein derart blutrünstiges Opfer? Im ?Leitfaden im Labyrinth des Lebens?, herausgegeben von der Zürcher Landeskirche, habe ich gelesen, dass das eine zeitbedingte Antwort auf einen zeitbedingten Sachverhalt ist. Heidnische Religionen fürchteten Götter so sehr, dass sie ihnen Menschenopfer brachten, was die Juden durch Tieropfer ersetzten. Im christlichen Verständnis ist aber die Liebe Gottes so groß, dass nicht mehr die Menschen Gott opfern müssen, sondern umgekehrt: Gott opfert den Menschen das denkbar Liebste, ausgedrückt durch das Bild des einzigen Sohnes (s. ?Karfreitag als Festtag?).
Auch hat es im Lauf der Geschichte viele Söhne Gottes gegeben, die Pharaonen galten als Gottessöhne, der griechische Göttervater Zeus zeugte Gottes Söhne, als Gottes Söhne galten auch ersttestamentliche Propheten im Sinn von Menschen, die von Gottes Geist erfüllt waren, und wenn der Hauptmann Christus unter dem Kreuz als den wahren Gottessohn bezeichnet, dann meint er, dass Christus unter all den Gottes-Söhnen der eindrücklichste ist, der am meisten von Gottes Geist erfüllte, gemäß der Weihnachtsgeschichte der vom Geist Empfangene. Das ist mit Jungfrauengeburt gemeint (Leuenberger), aber nicht, dass Jesus keine leiblichen Eltern gehabt hätte. Er ist ganz Mensch geworden. Unbefleckte, sündenlose Empfängnis bezieht sich nicht auf Sexualität, sondern auf das Dogma, dass Maria in dem Sinn die Reine ist, als sie von der Erbsünde ausgenommen ist. Unbefleckte Empfängnis bedeutet nicht,Jungfraugeburt, sondern dass sie ohne Erbsünde empfangen wurde.Sie und Pilatus werden als einzige Menschen im Glaubensbekenntnis namentlich erwähnt, aber es gibt immerhin auch kein katholisches Glaubensbekenntnis, das formulieren würde ich glaube an Maria. Verehrung und Anbetung sind zweierlei.
Wem meine Ausführungen zu kopflastig sind, dem sei es nicht benommen, bei der Jungfrauengeburt an ein die Naturgesetze übersteigendes Wunder zu glauben. Bei der Ostergeschichte kommen wir ohnehin nicht darum herum, obwohl eine kopflastige Zusammenfassung der Ostergeschichte zu einer Glaubensaussage führen würde, dass der Tod nicht das Letzte ist.
Ich bin so optimistisch, dass ich dieser Zusammenfassung zustimme. Ich glaube, dass Gottes Güte so weit reicht, dass er für die Menschen nicht nur sein Liebstes hingibt (statt dass die Menschen Gott opfern), sondern dass er so sehr ein Gott des Lebens ist, dass er es nach dem Tod weitergehen lässt, auch wenn wir nicht wissen wie. Das wussten auch die Jünger nicht, aber sie waren erfasst, ergriffen vom Erlebnis, dass Jesus als erster Mensch und Sohn Gottes vom Tod auferweckt wurde, d.h. sein Tod nicht ein definitives Ende war (Die Umgebung Jesu war so sehr ergriffen von dieser Erfahrung, dass die Geschichten um und die Äußerungen von Jesus erst im nachhinein gesammelt und aufgezeichnet wurden, und ja nicht mit unseren Vorstellungen von historischer Wahrheit verbunden waren). Wer Mühe hat mit den Wundern (s. Senryu ?Wunder? ): Jesus wirkt sie nie um ihrer selbst willen, er ist kein Zauberkünstler, der durch Wunder seine Macht vorweisen müsste, weshalb er den Versuchungen des Teufels in der Wüste widersteht. Wunder werden nicht um ihrer selbst gewirkt, sondern sind immer Hilfe zum Glauben, zum Beispiel dem Glauben an Vergebung. Daher heilt Jesus nicht alle Kranken, und bei den Heilungsgeschichten ist der Glaube an die Vergebung der Sünden wichtiger als die Heilung selbst. Beim Verhältnis von Natur und Wunder hat mir sehr die Aussage des heiligen Thomas geholfen: Die Vernunft übersteigt den Glauben, aber sie widerspricht ihm nicht. Das schließt nicht aus, an die Äußerung eines andern (wegen seiner Strenge umstrittenen) Theologen des 4. Jahrhunderts zu glauben: credo, quia absurdum, ich glaube, weil es absurd ist. Ich glaube, dass religiöse Aussagen häufig paradox, also widersprüchlich sind. Ich glaube, dass der Glaube nicht der Vernunft widerspricht, und dass es trotzdem nichts gibt, was es nicht gibt. Auch diese Einsicht ist eine vernünftige.
Unter dieser Voraussetzung lassen sich die Hauptthesen zweier Hauptvertreter bzw. des Begründers der sich streitenden Konfessionen vereinen. Der Unterscheidung des heiligen Thomas von Natur- und Offenbarungsreligion widerspricht nicht Luthers Auffassung vom Glauben jenseits aller Vernunft.
Soviel zum zweiten und schwerer verständlichen Werk Gottes, an dem man seine Güte erkennen (und erleben) kann. Das erste Werk ist die Schöpfung. Wer unter uns hat nicht schon ein überwältigendes Naturerlebnis gehabt, das ihn die Existenz eines guten und allmächtigen Gottes erahnen, erfassen ließ?

In unserem Zusammenhang ist es aber wichtig, zwischen Natur und Schöpfung zu unterscheiden. Viele setzen ein Naturerlebnis mit einem religiösen gleich. Aber Natur ist nicht einfach gut, in der Natur gilt das Recht des Stärkeren, das Prinzip von Fressen und Gefressen werden. Natur ist gefallene Schöpfung. Vielleicht kann man sagen, dass Schöpfung die von Gottes Geist belebte, behauchte und gewirkte Natur ist, auch eine Natur, die einmal erlöst sein wird (Schwerter sollen zu Pflugscharen werden, die Lämmer bei den Löwen liegen).
.
Ein dritter Hauptgrund, nicht an Gott zu glauben, ist die Angst, seinen Geboten nicht genügen zu können. Der evangelische Ausweg ist, im Glauben nicht eine Gesetzesreligion zu sehen, sondern einen Glauben allein an und durch die Gnade Gottes (Gebote werden jedoch nachträglich als weise respektiert). Als Lösung im Konflikt mit der katholischen Auffassung, die zuerst die Gebote und Werke setzt, würde ich vorschlagen: wir dürfen Gott entgegengehen durch Befolgung der Gesetze, aber wir müssen nicht.
Noch etwas: Der Teufelskreis von Vernunft, Metavernunft ? Metametametameta -Vernunft bzw. -Wahrheit wird im Christentum durch eine Abwärtsbewegung (Menschwerdung) durchbrochen. Es gibt auch eine Katavernunft (Christus als das Kind, als Lamm. Petrus sogar als Stein).

Aber lassen wir diese eher dürren Glaubenssätze und gehen wir im nächsten Kapitel von einem konkreten Beispiel aus, das jedoch von der Form her angegangen wird.

So viel Grundsätzliches zu den theoretischen Kurzgedichten. In einem zweiten Unterkapitel folgen Gedanken zu den einzelnen Gedichten.




2.2 Zu den einzelnen Senryu



Die arme Witwe

Schriftstellerische Formen zeichnen sich, im Gegensatz zu anderen Texten wie z.B. umgangssprachlichen, wissenschaftlichen durch Vielschichtigkeit, Flexibilität, Mehrdeutigkeit aus. Dies wird etwa durch Ver-dichtung erreicht. (Die vielleicht bekannteste Ver-dichtung ist die Metapher, also ein verkürzter Vergleich, das bekannteste Beispiel: statt zu sagen ?er kämpfte wie ein Löwe? sagt die Metapher nur, der Löwe kämpft). Eine andere Art, Ver-dichtung zu erreichen besteht u.a. in Anspielungen, Aufnahme von Zitaten, Redeweisen und der gleichen mehr. Unter den bisher genannten Voraussetzungen ist es nun naheliegend, die Kurzgedichte einzeln durchzugehen:

Beim Senryu ?Die arme Witwe?dachte ich an den verlorenen Groschen, den auch ein Klavierstück Beethovens thematisiert, außerdem an die Redeweise ?auf verlorenem Boden kämpfen?. Wer wider alle Vernunft zu glauben versucht (Teil 2), kommt nicht selten in diese Lage, in der alle Hoffnung vergeblich scheint. Die Ver-dichtung erlaubt es, die beiden Äußerungen zusammenzuziehen, indem für sie eine Wiederholung des Wortes verloren unnötig ist.
Außerdem gibt es den sprichwörtlichen Groschen, der fällt, wenn etwas begriffen wurde, und so habe ich ihn nicht ohne Hoffnung ins Gedicht gesetzt, dass es eine Pointe hat, die erfasst werden kann. Wegleitend bei der Wortwahl war auch das Bonmot vom Menschen, der den Groschen nicht dort sucht, wo er ihn am ehesten verloren hat, sondern da, wo das Licht am hellsten scheint. Das Gedicht schiebt damit die Schuld andeutungsweise auf den Leser, falls er die Pointe nicht versteht. Grundsätzlich ist ein verlorener Groschen ein Missgeschick, das im Fall des zur Diskussion stehenden Senryu geradezu Katastrophencharakter hat: Aufprall ist etwas Heftiges. Heftig auch der Kontrast, unmittelbar an den Aufprall schließt die schlag-artige Wendung zum Guten an. Der Groschen singt, was einerseits wiederum eine Anspielung auf Beethovens Klavierstück ist, andererseits ist aber Singen sicher ein Ausdruck der Freude. Das Fazit: Unglück verkehrt sich in Glück. Dieses Fazit bleibt aber nicht nur eine zuversichtliche Aussage, sondern sie wird dadurch unterstrichen und eine religiöse, indem sie mit dem Thema Groschen auch das biblische von der armen Witwe aufnimmt, die ihr ganzes Vermögen, bestehend aus zwei Groschen, in den Opferstock einlegt – im Unterschied zu den vielen Reichen, die viel einlegen, aber aus ihrem Überfluss, so dass Jesus sagen kann, die arme Witwe habe mehr gegeben als die Reichen (Mk 12,42). Man könnte also eine Pointe in der Spannung zwischen verlorenem Groschen (schon Beethoven allein ist witzig) und dem Bonmot einerseits und der ernsthaften Bibel andererseits sehen, wodurch nicht nur die Witze einen ernsthaften Hintergrund bekommen, sondern auch die biblische Geschichte eine humorvolle Note bekommt, insofern, als sie nicht mit tierischem Ernst behandelt werden muss, was nur allzu leicht eine Gefahr von christlicher Verkündigung ist. Die lächelnden Untertöne der Gedichte erlauben es, die Bibel(stelle) mit einer gewissen Distanz, auch Distanz von sich selber, zu lesen, was nicht heißt, der Bibel ihr Gewicht zu nehmen, denn vielleicht ließen sich bei genauerer Betrachtung auch humorvolle Dimensionen der Bibel herauskristallisieren. (Man braucht nur an das sprichwörtliche ?Kamel im Nadelöhr? zu denken).


Zwei Witwengeschichten in einer

Im Senryu unter diesem Titel geht es um dieselbe Bibelstelle. Eine Ver-dichtung besteht darin, dass das Wort Zahn nur einmal und nicht zweimal genannt wird. Dass Witwen keine Zähne (mehr) haben, entspricht der Klischeevorstellung, dass Witwen häufiger alt als jung sind. Zahn der Zeit ist eine sprichwörtliche Fügung, Zeit und Ewigkeit auch (auch Zeit wird nur einmal statt zweimal genannt). Die Spielerei wirkt aber eher plump, da es sich um abgegriffene Fügungen handelt und die Spielerei auf die Spitze getrieben wird, was nur damit zu entschuldigen ist, dass meine Senryu eben nicht l?art pour l?art, sondern Zweckformen sein wollen. Auch dass Witwen immer traurig sind und auch nach der Trauerzeit noch weinen, entspricht eher einer Klischeevorstellung. Allerdings ist festzuhalten, dass Witwen zu biblischer Zeit bereits in viel höherem Maße notleidend waren als in moderner Zeit und zu den rangniedrigsten Wesen gezählt wurden. Die Existenz einer Frau ohne Mann war schlichtweg undenkbar.
Trotzdem: ins Kissen weinen tönt sentimental und ist es wahrscheinlich auch, und dass das Tränen kostbar sein können, ist wahrscheinlich auch keine Neuigkeit. Eine kleine Pointe allerdings: Die Kostbarkeit äußert sich nicht in schönem äußeren Schein, der etwa durch den geläufigeren Vergleich von Tränen mit Perlen zustande kommen könnte, sondern in Groschen, also in einem sehr wörtlichen Sinn eher Abgegriffenen. Die Kostbarkeit der Tränen in diesem Senryu kann nur auf dem Hintergrund der Bibelstelle erfasst werden, wo das scheinbar Wertloseste, zwei lächerliche Groschen, mehr wiegt als die vielen Gaben vieler Reicher.
Man kann diesem Senryu ?Zwei Witwengeschichten in einer? vorwerfen, dass es weniger tief sei als der vorausgehende. Wenn er trotzdem stehen gelassen wird, dann deshalb, weil er die vorausgehende und die biblische Geschichte überhaupt noch nachklingen und nachspüren lassen kann, weil Variation der immer gleichen biblischen Themen Sinn macht, sie vielleicht doch wieder von neuen Seiten zeigt, wenngleich die Fügung Witwe ohne Zahn der Zeit geradezu unfreiwilliger Humor ist und eine junge Witwe durch die biblische Geschichte nicht motiviert ist, wohl aber durch eine zweite biblische Geschichte von der Witwe und dem ungerechten Richter, in dem jene nicht nachlässt, auf ihren Ansprüchen zu insistieren. Bis ihr der Richter aus Angst vor Ohrfeigen entspricht (Empowerment, modern gesprochen, wie es die Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King vertreten und praktiziert hat). Geradezu unverwüstlich im buchstäblichen Sinn ist diese Witwe, auch weil die Geschichte unverwüstlich ist. Trotzdem: die skizzierten Schwächen initiierten eine zweite Fassung, in der die beiden Geschichten ebenfalls zusammengenommen werden:

Furchtlose Witwe
Schlägt Richter und weint trotzdem
Groschen ins Kissen

Die Moral von der (ersten) Geschichte? Sich suizidal und grundlos von der grausamen Gesellschaft abhängig machen durch Preisgabe des letzten Besitzes? Wenn wir zwei andere Geschichten dazunehmen, die ebenfalls von einer solchen Preisgabe handeln, verstehen wir die Geschichte vielleicht besser: Nehmen wir die Geschichte bzw. das Gleichnis vom Schatz im Acker und vom blinden Bartimäus hinzu, der seinen Mantel, seinen einzigen und letzten Schutz, wegwirft und zu Jesus eilt. Dann wird klar: Die Betroffenen haben eben einen Grund, sie sind restlos ergriffen von Jesus, von einer Erfahrung mit Gott und seinem Reich, das alles Vorstellungsvermögen übersteigt. Eine Erfahrung mit Gott wider alle vordergründige Vernunft, für die es sich fraglos lohnt, alles Bisherige über Bord zu werfen, sich restlos hinzugeben, mit ganzem Einsatz und Hingabe, und spontan zu handeln.


Exil Dan 1

Das Gedicht spielt auf den Anfang des Buches Daniel, wo die Perser die Israeliten besiegten und die Oberschicht nach Babylon entführten. Nebukadnezar ist einer der drei persischen Könige dieses Namens – Anreiz über ihn zu schreiben war der Sachverhalt, dass dieser Name in genau einer Haikuzeile unterzubringen ist. Dass am Hof Nebudkadnezars köstlicher Wein getrunken wurde, steht außer Zweifel, da auch Daniel und seine Freunde damit aufgezogen werden sollten, um später am Hof zu dienen. Die Pointe des Kurzgedichtes besteht im Gegenüber von kostbarstem Wein und Panschen, also um eigentliche Gegensätze. Gepanschter Wein ist der billigste. Trotzdem ist dieser Wein kostbar – daher die Zweideutigkeit des Kurzgedichts, weil er mit den Tränen der Israeliten im Exil vermischt ist.


Schmuck

Das Kurzgedicht gehört in den gleichen Zusammenhang wie Exil. Die Fassung aus Erz ist die kriegerische Freiheitsberaubung des israelitischen Volkes durch die Perser, so dass die Israeliten durch das Leid zu Perlen reifen, gleichsam zu Perlen gekeltert werden.


Die Schwächsten

Ich habe lange Zeit Mühe mit den Kriegen gehabt, die im Ersten Testament geführt werden. Ich habe das Volk Israel für ein überhebliches und grausames Volk gehalten, wenn es sich als auserwählt betrachtet und dauernd in Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn verwickelt ist. Diese Auffassung hat sich geändert, seit ich irgendwann einmal in einer Predigt gehört habe, dass Israel das auserwählte Volk ist, weil es angesichts der übermächtigen Nachbarn das schwächste ist. In diesen Zusammenhang gehört die Geschichte vom Kampf Davids gegen den Riesen Goliath.


Wege

Das Kurzgedicht vereinigt zwei Bibelstellen in einer: Das Wort vom schmalen Weg, der Gott wohlgefällt (Mt 7,14), auf dem statt auf der breiten Strasse zu gehen ist, und Jesu Rat an die Jünger: Wo man euch nicht aufnimmt, so schüttelt den Staub von den Füßen und geht weiter (Mt 18,5). Das Gedicht meint bildhaft, wenn der Staub an den Füßen ist, dann wird die Straße rein von ihm.


Der erste Schöpfungstag

In der Schöpfungsgeschichte beginnt der erste Tag am Abend (1 Mos 1,3).


Zu Lied 429 und ? im RG

Die Worte Mist bzw. Most kommen in den Kirchenliedern vor, und ich bin mir unschlüssig, was ich von den Stilbrüchen halten soll.


Zu Lied 435 im RG

Christe eleison heißt Herr erbarme Dich. Das Gedicht lebt vom ungewöhnlichen Reim auf Not, in den Kirchengesangbüchern folgt darauf meistens Tod, allenfalls (Lebens)brot. Lebensboot kann Christus in verschiedener Weise sein: wir können uns im Boot befinden, in dem wir sicher vor dem Seesturm werden, oder im Boot, mit dem wir hinausfahren, um volle Netze einzuziehen, im Boot, aus dem ich hinausgehen kann, um Jesus versuchsweise trockenen Fußes zu erreichen, oder wir können in einer Arche die Sintflut überleben. Der neue Reim macht das Gedicht vielseitig, schillernd, bildhaft, regt zum Nachdenken und Meditieren an (Joh 21.11; Mt 8,23; Mt 14,28; 1 Mos 6 ff.).


Joche


Mein Joch ist sanft (Mt 11,30; Mt 8,26)

Urvertrauen ist nach Erikson das grundlegende Vertrauen, das in der frühen Mutter-Kind-Beziehung entsteht. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, die Ursache des Gottvertrauens Jesu dort zu suchen, obwohl ich überzeugt bin, dass Urvertrauen nur eine Mutter vermitteln kann, die Gottvertrauen hat. Trotzdem ist ein psychologischer Seitenblick auf die Entstehung des unüberbietbaren Gottvertrauens Jesu reizvoll. ER legt nahe, nicht zu viel eigenes Leiden in das Jesu hineinzuprojizieren (Die Redeweise vom Splitter im Auge usw., s. oben, gilt auch in dieser Hinsicht). Fest steht: Jesu sind auch besondere Kräfte gegeben. Nur so wird verständlich, wieso Jesus nicht nur über sein Leiden am Kreuz klagt, sondern auch sagen kann, sein Joch sei leicht – ein Gedanke, der dem Kurzgedicht den Titel gegeben hat.


Schilfmeer (2 Mos 13,18 ff.)

Gedacht wurde an den Meeresboden, auf dem die Spuren der Wellen noch sichtbar sind. Trocken ist das Meer aus zwei Gründen: wegen der biblischen Geschichte vom Gang durch das Rote Meer und weil es aus-geweint hat, was wiederum zweideutig ist: 1 zu Ende
geweint, 2. heftig, sich ganz ausweinen. Das Ausweinen gibt dem Gedicht eine leicht traurige, mindestens besinnliche Stimmung. Der Gang durch das Rote Meer war für mich immer Anlass zur Meditation, psychologisch bedeutete er mir, auf dem Unbewussten gehen können, es sich soweit nötig bewusst zu machen, nicht überschwemmt werden von ihm (das Meer ist z.B. bei der Analytischen Psychologie C. G. Jungs Symbol für das Unbewusste).

Der Ausdruck ?mutterseelenallein? hat seine Etymologie in der französischen Fügung moi tout seule, ?allein?. Das Gedicht lässt einerseits diesen Ausdruck stehen und andererseits lässt es die Mutter im wörtlichen Sinn auftreten. Sie liegt (ist) einerseits am Boden, das heißt sie liegt darnieder, weil sie allein ist (?), andererseits klingt der Meeresboden des letzten Gedichts nach. Dass die Mutter allein und darnieder liegt, nimmt seine traurig-besinnliche Stimmung wieder auf. Die Mutter ist ein Thema meines Lebens.


Abraham

Das Gedicht spielt auf den Bund Gottes mit Abraham an. Gott versprach Abraham Nachkommen wie Sterne am Himmel und Sand am Meer (2 Mo 32,13).


Karfreitag

Isai ist der Vater Davids (s. Ri 4,17 ff.). Der Überlieferung nach geht die Abstammung Jesu auf David zurück. Der Stamm spielt an auf das Volk Israel, dessen Stamm umgehauen wird, aus dem Jesus als neues Reis sprosst. Dieser zweite Teil wird jedoch im Gedicht unterschlagen, um gleich zu Kreuz und Aufschrei zu führen. Dadurch wird das Ausmaß der Katastrophe(n) erhöht.


Am Anfang (1 Mos 1,2)

Das Gedicht fordert dazu auf, die Bibel genau zu lesen. Es heißt nicht, Gott schwebt über den Wassern, es ist also keiner der hergebrachten Mythen. Es heißt: Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Das gibt aber dem Geist und dem Wasser etwas Gleichwertiges. Beide sind nicht identisch mit Gott. Daher haftet auch dem Wasser etwas Heiliges an, was etwas wegführt von der evangelischen Auffassung des Materiellen (vgl. Luther: ohne Geist ist das Wasser nichts).


Die Bibel als Mythos

Die Bibel ist für mich der zutreffendste Mythos. Er wird der Wirklichkeit oder gar Wahrheit am meisten gerecht, verwendet aber die Mittel der Dichtung, wie es Mythen und Märchen tun.
Ledischiffe sind die Lastschiffe auf dem Zürichsee, die bis vor kurzem Kies vom oberen Zürichsee nach Zürich transportierten (ledi kommt von laden). Außerdem spielt das Gedicht mit wirklichen Farben (schwarz und weiß) und einer Farbe im übertragenen Sinn. Schwarz, weiß und rot sind die Farben Schneewittchens.


Tränen

Der Tränenzyklus will die untergründig etwas traurige Stimmung von ?Schilfmeer?, das Leid, nicht verdrängen, ist aber eindeutig. Als Besonderheit mit humoristischem Unterton (Jean Pauls ?Lächeln unter Tränen?): das vierte Gedicht des Tränenzyklus? Fließt, Fließt erinnert an den Kommentar des Reporters vom Doppel-Doppel-Oympiasieger Simon Amman: Flieg Simi bzw. Simon flieg!

Das letzte Gedicht nimmt eine Fügung von ?Psalmen?, Ausschlagen und Blühen, auf. Beides tun Blumenknospen.


Zu Goethe

Aus Goethes ?Hermann und Dorothea? stammt der Vers: Dienen lerne beizeiten das Weib!


Exkurs

Kiwitt kiwitt: Bei den Waldkäuzchen haben Männchen und Weibchen andere Rufe: Uhu das Männchen, kiwitt das Weibchen.


Der geschlagene Sieger (1 Mos 32,23)

Es handelt sich um die Geschichte, in der Jakob mit Gott kämpft und Gott nicht loslässt, bis er ihn segnet. Jakob geht aus diesem Kampf gezeichnet hervor (seine Hüfte wird ausgerenkt).


Thomas

Der heilige Thomas wird ikonographisch oft als Kirchenlehrer dargestellt, der eine (die) Kirche auf Händen trägt.
Er war ein großer Schreiber, hat ein vielbändiges Werk hinterlassen und konnte vier Schreibern gleichzeitig diktieren Er ist bekannt für seine Lebensfreude. Er soll gesagt haben: ?Wenn gar nichts geht, dann nehme man ein warmes Bad.? Übrigens: der heilige Thomas hat die Errungenschaften der Wissenschaft aufgenommen und verarbeitet. Trotzdem hat er im letzten Halbjahr seines Lebens keine Zeile mehr geschrieben. Er hatte eine Vision gehabt, von der er sagte, im Vergleich zu ihr sei alles, was er geschrieben habe, eitel Stroh.


Schilfmeer II

Das Gedicht beruht auf einem Traum, in dem ich auf Knien mit einem Handtuch das Rote Meer auftrocknete. Deutung: wohl mir Unbewusstes bewusst gemacht hat. Ich bin dankbar für die Deutung der erwähnten Seelsorgerin Kathrin, die im Gedicht den lieben Gott gesehen hat, der das Meer auf Knien auftrocknet.


Der gute Hirt

Jesus wird aufgrund der Geschichte vom verlorenen Schaf oft als Hirt dargestellt, der 99 Schafe verlassen hat, um dem Hundertsten, dem Verlorenen, nachzugehen, das er auf Schultern tragend zu den andern trägt. Verbunden ist das Bild mit dem Namen Jesu als Lamm Gottes und mit dem Bild am Himmel hingelagerter Schäfchenwolken (Joh 10, 11 und 14; Mt 18,11; Joh 1).


Speisung der Fünftausend

Die Geschichte von fünftausend hungrigen Zuhörern, die Jesus mit zwei Fischen und fünf Broten stillt, von denen fünf Körbe Brosamen übrig bleiben (Mt 14,21).


Wüste (1. Mo 14,16)

Es geht erneut um die Geschichte vom Roten bzw. Schilfmeer, durch das das Volk Gottes trockenen Fußes durchgehen kann, solange Moses den Stab hält. Ebenso um die zweite Geschichte, in der Moses durch Berührung des Felsens mit dem Stab Wasser aus dem Felsen springen lässt.


Gott

Gott ist so sehr Vater, dass der Artikel weggelassen werden kann. Er ist schlichtweg ?der? Vater. Insofern er als Vater – leiblicher Vater – angesprochen wird, zeigt sich eine besondere Intimität im Verhältnis zu ihm. Wüstenschiffe ist doppeldeutig. Scherzhaft für Kamele und an echte Schiffe denken lassend, da der Nil vorkommt. Gedacht ist auch an den Schlamm des Nils, der das Land düngt, so dass es fruchtbar wird. Deshalb muss auch jemand da sein, der pflügt. Damit kann auch wieder ein leiblicher Vater gemeint sein. Von Ur bis zum Nil: Deutet die Riesigkeit der Reichweite Gottes an.


Schilfmeer

Der Weg durch das Rote Meer wird möglich, weil Gott die Wellen durch den Ostwind zurückdrängt zu gebrochenen Garben: das Wunder Gottes wird fruchtbar, zu Garben. gebrochen waren in meiner Jugend die jeweils fünften Garben, die geknickt und über vier aufgestellte gelegt wurden (zum Trocknen). Vor allen Bindemähern und Mähdreschern.
Schilf kann flüstern im (Ost-)wind. Es flüstert das Wort. Gemeint ist natürlich das Wort Gottes.


Weisheit (Joh 14,6)

Das Gedicht bringt das Jesuswort: ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, ein Wort, das wir nach Kapitel 3.1 nicht mehr näher betrachten müssen. Wüst und leer stammt aus dem Anfang des Schöpfungsberichtes: Die Erde war aber wüst und leer. Zum Wort LEICHT verleitete mich das Reimwort schwer. Eigentlich entspricht das nicht meiner Auffassung des auch leichten Joches der Nachfolge. Deshalb habe ich mich zu einer Neufassung entschlossen, die das Reimwort schwer nur andeutet, indem überraschend und pointierend sein Gegenteil leicht benutzt wird. Das Leben ist demnach sowohl leicht als schwer, was am ehesten meiner Auffassung entspricht, nach der viele religiöse Aussagen paradox sind. Die Neufassung lautet also:

Der Weg, die Wahrheit
Und das Leben ist nicht wüst
Und leer, sondern leicht.


Schilfmeer

Nimmt wieder das Thema von Blüte und Fruchtbarkeit, von Garben und Auserwählung auf.
Die Schritte erinnern wieder an den Weg durch die Wüste, der zum Leben führt.


Schilfmeer

Für einmal kann Gott nichts ohne Nebenwirkungen machen. Der Weg durch das Schilfmeer wird für die Fische Wüste, was zugleich auf die Fortsetzung der Geschichte des Gottesvolkes anspielt, den Gang durch die Wüste nach dem durch das Rote Meer. Jonas ist die Geschichte eines Propheten, der Gott nicht gehorchen wollte und deshalb (über Umwege) im Meer beinahe ertrank. Er wurde von einem großen Fisch gefressen (psychologisch: er ging zurück in einen Mutterleib?), wurde am dritten Tag wieder ausgespuckt und gerettet und erfüllte nun den Willen Gottes.


Schönheit und Glauben

Viele Stimmen sprechen davon, dass man nach Auschwitz die alten schönen Worte nicht mehr gebrauchen kann. Die Sprache, vor allem die deutsche, wurde missbraucht. Z.B war Schönheit und Glauben ein Name für eine nationalsozialistische Organisation junger Frauen. Glaube wider allen Augenschein und wider alle vordergründige Vernunft? Oder liegt die Veränderung an einem einzigen Buchstaben, am ?n? (Glaube statt der älteren Form Glauben)? Jedenfalls habe ich die Überheblichkeit gewagt, ein Gedicht durch einen einzigen Buchstaben, ?v?, zum Gedicht zu machen: Aufverstehung statt Auferstehung (Wann wird man je verstehn?)

Wenn auch reine Blätter modern. (Blatt ist eine Allonymie Baum und Seitenblatt) – rein sein können fast nur Seitenblätter. Modern können fast nur Baumblätter. Trotzdem müssen beide von dem Reinlichkeitsfanatismus des Nationalsozialismus befreit werden, indem auch sie sterblich sind.

Wenn auch der Tempel der Seele wieder freundlich behandelt wird. Der Apostel Paulus nennt den Leib Tempel des Heiligen Geistes (1 Kor 6,19).

Der fast schon zur Redensart gewordene Psalmvers, welcher der Zeile zugrunde liegt, lautet: Du (Gott) trittst den (nur noch) glimmenden Docht nicht aus (Jes 42,3).

Auch sprichwörtlich ist das Jesuswort geworden: Du sollst dein Licht nicht unter den Scheffel stellen, d.h. zum Beispiel, du sollst deine Begabungen nicht unterbewerten und verstecken (Mt 5,1).

Gemeint sind weiße und braune Hemden, die sprichwörtlichen Verbrecher mit der weißen Weste und die braunen Hemden der Nationalsozialisten, die sprichwörtliche Unschuld, in der Pilatus seine Hände wäscht und der Werbespruch: Dash wäscht weißer.

Über das Verhältnis von Natur und Schöpfung habe ich mich bereits ausgelassen. Es geht um das Jesuswort: ?Ihr sollt das Salz der Erde sein, so etwas wie der Sauerteig, das, was die Weltgeschichte in Bewegung bringt, das, was den Geschmack ausmacht, das Senfkorn als das kleinste Korn, aus dem die größte Pflanze wächst (Mt 5,13; 13,33; 13,31).

Maria

Alles ein bisschen gekünstelt, gespielt wird mit Freuds Begriff des Über-Ichs (in etwa das Gewissen), mit dem Menschen als Untergott und Gott als Mitgott (statt Mitmensch). Ganz am Ende der Bibel steht die Verheißung: siehe, Ich – Gott – wische alle Tränen ab, und: ich mache alles neu (Offb 21,5). Auf diese Stelle wird angespielt. Das Wichtigste ist jedoch die letzte Zeile: ?Siehe Maria, mich deine Tochter.? Sie enthält verschiedene Dimensionen, das Jesuswort am Kreuz, wo er für seine Mutter sorgt und ihr auf den Jünger Johannes zeigend sagt: Siehe Maria, dein Sohn (vgl. Jo 19,25). Eine feministische Komponente enthält die Zeile auch insofern, weil nicht von einem Sohn, sondern von einer Tochter die Rede ist. Auch erinnert die Zeile an das Ecce homo, siehe den Menschen, in der Passionsgeschichte, und schließlich kommt das Verhältnis von Maria und der Tochter, wie das Verhältnis von Gott und Kind in der Redensart Kind Gottes zur Sprache.


Mandala

Es fällt dadurch auf, dass die erste Silbe der zweiten Zeile ausfällt, da die Tränen ja gestillt sind. Trotzdem tropfen sie, aber nicht in ein gewöhnliches Meer, sondern in ein Lichtermeer. Das lässt an das Kleinste im Großen denken, von dem schon mehrfach die Rede war, und durch das Bild des Lichtes an den Sternenhimmel von Abrahams Nachkommenschaft. Die letzte Zeile beschreibt eine Quadratur des Zirkels, ein Mandala, ein Gottesbild. Nach meiner unmaßgeblichen Auffassung dürfen und müssen wir uns immer Gottesbilder machen – unter der Voraussetzung, dass wir bereit sind, uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Im Gespräch mit andern Menschen, mit der Bibel, mit Kunst usw. Das Bilderverbot des Ersten Testaments bezieht sich auf Götzenbilder, die angebetet werden.


Himmel als Vater, Vater im Himmel

Es geht um das Verhältnis von christlichem und nichtchristlichen Mythen, und es handelt sich auch um eine Umkehrung des Schöpfungsberichts: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde (1 Mos 1,1).


Etymologie, Bedeutungslehre also, Erklärung der Herkunft der Wörter

Das Gedicht weist auf die Verwandtschaft der Wörter fürs sonder(n), absondern, besonders und Sünde hin.


Minarette

Das Gedicht ist aus der Auseinandersetzung mit der sogenannten Minarett-Initiative erwachsen. Angst scheint mir auf beiden Seiten, den Moslems und den Befürwortern der Initiative, die Triebfeder zu sein: der Himmel ist weit, so lautete der Werbeslogan gegen die Initiative. Ich meine auch, dass der Himmel Raum für Minarette und Kirchtürme hat.


Palmsonntag (Mt 21,1- 11)

Macht die Straßen gerade: Jesus kommt geritten, geht also einen Weg (das Volk legt Zweige darauf). Der Satz kommt aber auch wörtlich vor im Markusevangelium. Es handelt sich um eine Aufforderung des Täufers Johannes, Jesus den Weg zu bereiten.

Bindet die Eselin los! Ein Befehl Jesu, der prophezeit hat, wo die Eselin zu finden sei.
Am Berge stehen, eine sprichwortartige Wendung also. Nicht gerade glückliche. Sie geht mit Zeilensprung gerade über zum Glauben, der Berge versetzen kann. Und schon löst sich der Sorgenberg auf.


Sentimentalität im Quadrat

Das Wort Herz im übertragenen Sinn neigt allein schon zur Sentimentalität. Man denke nur an die gebrochenen Herzen, an die Reime von Herz und Schmerz – kein Körperteil kommt in Kirchenliedern häufiger vor als das Wort Herz. Der Sentimentalität und der abgreifenden Häufigkeit des Wortes trägt das Gedicht Rechnung, indem es gleich mit einer Doppelung von Herz und Herz beginnt. Außerdem beginnt ein Kirchenlied so. Das Gedicht ist also leicht blasphemisch. Indem es aber die Sentimentalität selbstkritisch reflektiert, ist es provozierend in einem positiven Sinn und erlaubt dadurch einen ironischen Reim Herz – Schmerz, wobei das Wort Schmerz gleichzeitig auch für Herz (Jesu) eingesetzt wird. Er ist nun tot, der Kitsch gestorben, weil er hinterfragt worden ist. Ernsthafter Hintergrund: die Gott-ist-tot-Philosophie und -Theologie.


Katechismus

Im Heidelberger Katechismus, also im reformierten, steht der erste Artikel: Das ist mein einziger Trost im Leben und im Sterben, dass ich nicht mein, sondern meines Herrn Jesu Christi Eigentum bin. Zum Trost, wenn dieser Artikel nicht auf Anhieb verständlich ist: Wenn ich nicht mein Eigentum sein kann, kann es auch niemals das Eigentum der Machtgier eines anderen Menschen sein. Für mich bedeutet Eigentum ?in der Hand gehalten werden, geborgen sein?. Ich muss mich nicht selbst halten, ich muss nicht für alles und jedes verantwortlich sein, sondern ich darf an Vergebung glauben.
Das Gedicht lebt auch von der Spannung einzig-unendlich an seinem Anfang und Ende.


Lohn

Auf den Gedanken, Gebote durch Angebote zu ersetzen, bin ich gekommen durch die Predigten von Meister Eckhart, wo es noch kaum Vorsilben gibt, sondern wo Gebot noch einfach das ?Bot?, d.h. die Botschaft ist. Dem kommt das Wort Angebot als gute Botschaft näher. Es trägt seinen Lohn in sich, daher der Titel des Gedichts. Die Erfüllung der Gebote erfüllt, zum Beispiel mit Befriedigung und Glück.


Gaben

Gott ist auch das Ungenießbare und scheinbar Wertlose heilig. Es umhüllt und schützt das eigentlich Wertvolle und bekommt dadurch seinen Wert. Gott hat beides erschaffen. Und zwar für immer. Das Ganze erinnert mich an meine Kindergärtnerin, die verlangte, dass ich auch das Gehäuse der Äpfel esse, weil auch es vom lieben Gott gemacht sei.


Noah

Die Erlösung von der Vergangenheit: einmal wird es nicht nur eine Arche, sondern eine Arche für alle geben. Gott hat Noah zugesagt, dass er nie wieder eine Katastrophe vom Ausmaß der Sintflut über die Erde ergehen lassen wird. Mit dem Bogen ist der Regenbogen, Zeichen des Friedensschlusses für Gott gemeint. Rettung für alle? Ich meine ja. Und für die Bösen? Und warum muss Christus als Richter wieder kommen, wenn die Erlösung schon abgeschlossen ist? Ich meine, die Sache ließe sich lösen durch eine Kombination von einer Art modernem, reformiertem Katechismus und dem unglücklichen katholischen Bild vom Fegefeuer. Nach der ersten Quelle bedeutet Hölle Gottesferne. Vielleicht sind nicht alle gleich weit oder wenig weit von Gott entfernt und müssen daher in unterschiedlichem Ausmaß und zu unterschiedlichen Zeit geläutert werden.


Ökumene

Die mittlere Zeile nimmt eine der wichtigsten Äußerungen des II. Vatikanums ein, in der nicht nur die Katholiken und Christen, sondern alle Menschen guten Willens angesprochen werden. Kirche ist immer auch außerhalb der Kirche, was biblisch wie folgt formuliert wird: wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen. Es gibt eine sichtbare und eine Unsichtbare Kirche: die Institution und die Gemeinschaft, die über die Institution hinausgeht. Das Ganze erinnert mich an den Konfirmandenunterricht, wo der Pfarrer verschiedene Kreise an die Wandtafel zeichnete, die sich in der Mitte überlappten. Die Kreise waren die verschiedenen Konfessionen und Religionen, in der Überlappung wurde die wahre Kirche angesiedelt. Ein ähnliches Bild habe ich auch in einem katholischen Glaubenskurs für Erwachsene kennen gelernt.
Wo diese Voraussetzungen erfüllt sind, meine ich den wahren Fortschritt, die Heilsgeschichte zu erleben. Außerdem ist in der Formulierung das häufig gebrauchte Verständnis des II. Vatikanums der Kirche als pilgerndes, wanderndes Volk Gottes enthalten, die natürlich eine allgemein christliche ist.


Ostermorgen

Die vielen Ostergedichte will ich nicht alle ausführlich kommentieren. Die LeserInnen sollen auch noch etwas tun. Die Ostergeschichten setze ich voraus. Wesentlich für mich sind das Grab und das leere Grab. Christus erscheint den Menschen nicht direkt, sondern anfänglich nur durch den Engel, und das Grab und die Leere sind in Ostern enthalten. Es handelt sich nicht um eine oberflächliche Wiederherstellung des Lebens, um ein Rückgängigmachen von Karfreitag, sondern an ein einmaliges Erlösungserlebnis, das Angelegenheit des Glaubens ist, und zwar eines Glaubens, der wie jeder echte Glaube ein Moment des Zweifels enthält, verkörpert durch die Leere (vgl. Luther: zum großen Glauben gehört der große Zweifel), Auferstehung enthält auch das Leiden.


Feministisches Gleichnis

Im zweiten Testament wird Jesus mit einer Henne vergleichen, die ihre Küken mit den Flügeln schützt.


Palmsonntag

Aus den Palmzweigen wird der Stamm des Kreuzes (die Fügung entspringt der Vorstellung vom Lebensbaum, der das Kreuz vorausnimmt. Der Jubel des Volkes schlägt in Hass um, der zum Himmel schreit.


Individualismus

Der eigene Weg ist eine beliebte Vorstellung der Analytischen Psychologie und beinhaltet die Zuversicht (die berechtigte), dass man seinem Gewissen folgen darf. Das Gedicht bringt mit dem Bild der Gratwanderung zum Ausdruck, dass das nicht eine faule Ausrede ist, sondern schwerer ist, als man meint. Vielleicht hätte man den eigenen Weg auch mit dem schmalen Weg gleichsetzen können, den Christus meint.


Markus 10,1

folgt dem Wortlaut der Bibel mit Ausnahme der Umschreibung für Jordan. Jenseits ist absichtlich groß geschrieben und weist auf die Sendung Jesu von Gott zu Gott. Das Beispiel zeigt, dass auch scheinbar belanglose Formeln tiefere Bedeutung haben können: Jesus bricht auf, Jesus geht auf dem Weg, jenseits des Jordans ist die Abgeschiedenheit, aber auch konkret das Gebiet Judäa, wo konservative Juden wohnen. Bei Gelegenheit: Jesus macht die radikalen Forderungen über das Verhältnis der Geschlechter gegenüber diesen konservativen Juden. Er beschwichtigt sie: meinet nicht, dass ich gekommen sei ? (um die Gesetze zu lösen, sondern sie zu verschärfen). Das Beispiel zeigt deutlich, dass die Äußerungen Jesu jeweils nicht außerhalb ihres Kontextes genommen werden dürfen. So haben sie jeweils einen Adressaten.


Moral (Mk 10,7)

Gemeint ist wohl mit dem Einen Leib von Mann und Frau auch ein mystischer Leib (wie an anderer Stelle vom Leib Christi für die Kirche die Rede ist). Das schließt verschiedene Meinungen (zwei Seelen) nicht aus. Außerdem spielt die Pointe auch auf ein Goethewort an: ?Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust?. Die letzten beiden Zeilen enthalten eine Umkehrung des Bibelzitats und sind in ihrer Zuversicht wohl ebenso richtig wie das Original.


Das zweite Buch

Das erste ist seit dem Mittelalter das Buch der Natur. Das zweite die Bibel. Man kann in beiden lesen, um Gott zu erkennen.


Wort (Joh 1,14)

Die Wortmeditationen gehen aus von je einem Brief, den ich einer evangelischen Seelsorgerin bzw. einem katholischen Seelsorger schickte. Darin zweifelte ich weniger den Primat des Wortes an, hatte jedoch schwerste Bedenken, Wort im umgangssprachlichen Sinn zu verwenden, denn nach dem Johannesevangelium ist das Wort Fleisch geworden. Nach dem Verständnis nach meiner déformation professionnelle hat jedes Wort zwei Seiten: einen Wortkörper (Laute, Buchstaben) und einen Sinn (Bedeutung). Oder auch umgekehrt: der Sprecher (also Gott) wird Fleisch, wenn er schweigt, dann tritt nur der Leib in Erscheinung, Gott nimmt Gestalt an. Dazu passt die Vorstellung vom verborgenen Gott: Gott ist da, wenn er nicht da ist, Gott spricht, wenn er schweigt. Gleichzeitig hat das Schweigen einen potenzierten Sinn, es kann alles bedeuten, sich selber und das Gegenteil und alles dazwischen. So wird das Schweigen Gottes reiner Sinn, bzw. Geist.
Die Zähigkeit, mit der ich mich am Wort festklammere, dass das Wort Fleisch geworden ist, ist wohl evangelisch, der Inhalt des Wortes vom Fleisch katholisch, und so glaube ich, irgendwo in beiden Konfessionen zu stehen.
Das Wort wird in der Bibel (z.B. dem Johannesevangelium zu mystisch behandelt, als dass man ihm einen landhäufigen Bedeutung zu sprechen könnte.)

Der gestillte Seesturm

Dem Höhepunkt des Dramas wird ein zweiter angefügt, der Sturm bläst weiter oder wieder und bläst Fische ins Netz, eine zweite biblische Geschichte, die im Gedicht ebenfalls von Jesus gelöst wird. Er stopft die Netze. Dass sie rissen, war eine Folge des Fischwunders. Jesus behebt die Nebenwirkungen des wunderbaren Fischfangs.


Petrus

Fischfang, Berufung, Reue – drei Zeilen, drei Themen aus der Bibel. Die Pointe der letzten Zeile besteht natürlich darin, dass Petrus sonst in der Bibel als der Bereuende auftritt (Mt 4,18).

Judas

Die Judasgedichte beruhen auf (m)einer Psychologie der Judasgestalt. Demnach ist Judas nicht der Inbegriff des Bösen, sondern der von Jesus Enttäuschte. Seit der Salbung durch Maria von Magdala. Als Kassier muss Judas von allen Jüngern der am meisten Enttäuschte gewesen sein, die empört waren, dass das Geld für das kostbare Öl nicht für die Armen ausgegeben wurde – nebenbei: wir erleben bei der Salbungsgeschichte Jesus einmal mehr als den Lebensfrohen, der auch feiern und festen konnte (s. Hochzeit von Kanaa, Ablehnung des Fastens). Vielleicht ist es nicht blasphemisch, anzunehmen, dass Jesus beim Hinweis auf seine Anwesenheit im Unterschied zur Anwesenheit der Armen schon leicht angesäuselt war.
Judas überholt Jesus von links, damit ist gemeint, dass das Feiern wegfällt, dass nur noch die Unterschicht im Zentrum des Interesses steht, dass Aufklärung (Horkheimer/Adorno) leibfeindlich wird, nur noch pragmatisch handelt, nach einem vordergründigen Nutzenprinzip.
Bei Judas geht alles ums Geld. Die Geschichte lässt sich dahingehend weiterspinnen, dass Judas die dreißig Silberlinge für die Armen wollte. Judas ist der eifrigste unter den Jünger, ein Zelote (wörtlich ?der Eiferer?, Angehöriger einer weltanschaulichen Richtung, die für politischen Umsturz war. Als Eifriger sucht Judas am meisten Gemeinschaft mit Jesus, tunkt mit ihm zuerst in die Schüssel, verrät Jesus mit einem Kuss, der insofern eine Komponente der Ehrlichkeit hat, daher auch die Gedichtzeile, dass Judas sein Wort nicht bricht. ER bleibt nicht Jesus, wohl aber seiner Psychologie als Eifrigster treu. Jesus weiß nicht, welcher Jünger ihn verrät, er weiß nur, dass es der Eifrigste, der Ehrgeizigste ist, der darum der erste beim Mahl mit Jesus ist. Jesu Prophetie beruht in diesem Fall auf Psychologie.


Glaube

Ich glaube, dass Gott ein partnerschaftliches Verhältnis zum Menschen sucht, Beziehung wünscht. Daher ist Gott nicht nur ein Bild, das sich der Mensch von ihm macht, sondern Gott hat den Menschen nach seinem Bild geschaffen. Daher hat Gott menschliche Züge: er glaubt, betet, leidet, liebt ? auch.


Individualität

Ich glaube, dass das Christentum der Glaube ist, der am meisten Individualität erlaubt.


Gottes Namen

Gottes Namen sind freie Übersetzungen von Gottes Namen Jahwe.


Schlechter Witz

Ich kann ihn mir nicht verkneifen. Erstens s. Individualität, zweitens wird die Brautmystik (dass Christus der Bräutigam der Braut Kirche ist) ins Tierhafte und damit ins Lächelnde gezogen, auch indem die Hochzeit und ihre Folgen sehr konkret werden. Das Gedicht lebt von der Wörtlichwerdung der Redeweise ?Hahn im Korb?.


Salbung (Mk 14,3)

Es geht um die Salbung Jesu durch Maria von Magdala mit dem sündhaft teuren Öl. Daher ist es skandalös. Die zweite und dritte Zeile nehmen einen Brechtspruch auf: Zuerst das Fressen, dann die Moral. Ausgeschrieben müssten sie lauten: zuerst das Fressen und dann der Luxus, an den auch der Purpurmantel erinnert, der Jesus vor der Kreuzigung umgehängt wird. Von herkömmlicher Moral ist im Gedicht überhaupt nicht mehr die Rede.


Geistiges Eigentum

Wenn meine Kurzgedichte so etwas wie Poesie aufweisen sollten, dann verdanke ich das der Bibel, weil ich mich in ihren poetischen Worten ausdrücke. Die Bibel ist nicht nur wahr (im Sinn des wahrsten Mythos), sondern auch schön. Dorothea Sölle fordert in ähnlichem Zusammenhang, dass Literatur die Bibel weiter schreiben müsse. Sie meint allerdings Literatur, die von der Bibel weiter entfernt ist als meine Versuche.


Grenzen des Dschihad

Der Koran verbietet, im Krieg die Olivenhaine des Feindes zu verbrennen, das heißt seine Lebensgrundlage zu zerstören
.
PS: Gedanken zum Gespräch zwischen den abrahamitischen Religionen

1. Jahwe, Allah und Gott sind mir Einer. Insofern als er unter jedem Namen der Gott der Barmherzigkeit ist.
2. Was den Vorwurf betrifft, das Christentum gebe den Monotheismus auf: ich habe auch lange Mühe gehabt mir dem christlichen Dogma der Dreieinigkeit. Was soll das heißen: ?ein Gott in drei Personen.? Die Schwierigkeiten lösten sich erst, als ich bei Heussi, Kirchengeschichte, las, dass das lateinische Wort ?persona? eben nicht Person, sondern die antike Theatermaske bedeutet. Dreieinigkeit bedeutet also, dass Gott uns in drei Rollen – Vater, Sohn und Geist – begegnet.
3. Paulinische Gesetzesfreiheit war vielleicht zur Zeit des Apostelkonzils einmal modern und aktuell, aber schon Paulus ließ die Möglichkeit offen, dass man Gesetze auch aus Liebe zum Bruder, um ihn nicht zu betrüben, befolgen könne. Aus diesen Gründen wäre es vielleicht möglich, dass etablierte Christen wenigstens symbolisch und teilweise jüdische (und islamische) Gesetze befolgen könnten, denn ursprünglich richtete sich der jüdische Widerstand nicht gegen die Person des Messias. Das Judentum richtete sich vielmehr dagegen, dass die Christen ersttestamentliche Gebote nicht mehr befolgten.
4. Meiner unmaßgeblichen Ansicht nach ist Christus nicht unbedingt der letzte Prophet, wie das ?reformierte Ein mal eins? der Zürcher Landeskirche, eine Art Katechismus, formuliert. Jesus ist und bleibt für mich Gott, es scheint mir aber auch, dass man Jesus Christus gleichzeitig auch als letzten Propheten verstehen kann, insofern es nach ihm keinen größeren gibt. Ganz zustimmen scheint mir aber trotzdem fraglich, wenn dieser Katechismus sagt, die Zeit der Propheten sei vorbei. Gott kann in seiner Barmherzigkeit neue Propheten berufen, z.B. Mohammed, wenn Menschen mit Christus überfordert sind (Wunderglaube, Feindesliebe, Privilegierung der Schwächsten). Heilsgeschichte verläuft vielleicht nicht gradlinig, macht Umwege, vorübergehende Rückschritte, geht verschlungene Pfade. Was Gott jedoch nicht tut: Er schließt keinen neuen Bund mehr mit Mohammed, was aber zu glauben der Islam auch gar nicht verlangt. Es ist meiner unmaßgeblichen Ansicht nach weiterhin möglich, sich um christliche Ethik zu bemühen. Der Islam ist aber – allem Anschein der Rückständigkeit zum Trotz – doch auch moderner als Judentum und Christentum, eine Aufklärungsreligion – mit all der Zwiespältigkeit, die Aufklärung hat (s. Dialektik der Aufklärung, wonach Aufklärung sich selbst ad absurdum führt). Der Islam ist in sofern Vernunft, als er auf Wunderglauben weitgehend verzichtet, auch auf Feindes- und Schwächstenliebe. Eine gewisse logikähnliche Dimension ist sogar der Scharia nicht abzusprechen. Es ist ?logischer?, ein Glied abzuhacken, mit dem man gesündigt hat, als ein anderes Glied. Dazu ist aber anzumerken, dass Aufklärung schon in der Bibel vorkommt: Die Himmelskörper sind nicht mehr Götter wie in den damaligen Nachbarreligionen, sondern schlicht Lichter am Himmel zum Nutzen der Menschen. Es gibt ein biblisches Buch, in dem Gott nur ein Mal, ganz am Rande vorkommt (das Hohe Lied).Und es gibt im Markusevangelium eine Heilungsgeschichte, die sich anhört wie eine alternativmedizinische Krankengeschichte, ohne Gebet, ohne Vergebungsgeschichte, ohne Erwähnung Gottes. Auch Jesus ist u.a. ein Aufklärer: er wirft die Händler aus dem Tempel, er heilt am Sabbat, isst Ähren, bricht Gesetze usw. Die Aufklärung bleibt aber in der Bibel nicht bei sich selbst stehen: Jesus ist nicht gekommen, Gesetze aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen: Ehescheidung wird nicht nur gesetzlich geregelt wie im Ersten Testament, sondern im Zweiten überhaupt verboten. Ähnlich heißt es in der Offenbarung, dass es keine heiligen Orte mehr geben wird, weil alle Orte heilig sein werden. Hamann, Freund und Gegner Kants, würde dies wohl unter seinen Begriff der ?Metakritik der Vernunft? subsumieren. Die Vernunft reicht nicht so weit, wie die Aufklärung möchte (wer erklärt die Vernunft, die erklärt?). In diesem Sinn wird Hamann auch als ?aufgeklärter Aufklärer? bezeichnet. Ähnlich wie er hilft sich auch Karl Barth aus den Aporien der Aufklärung mit einer Radikalisierung der Vernunft, sofern er ihnen nicht einfach Jesus Christus entgegen setzt, der die Gebote dem Sinn nach erfüllt.



Mein Verständnis von Ökumene entwickelte sich an der Ökumene zwischen evangelischer (reformierter)und katholischer Konfession. Grundsätzlich gilt für mich das Prinzip: immer zuerst vom gemeinsamen Nenner, dem Allgemein-Christlichen (bzw. -Religiösen) ausgehen.
Das heißt für die innerchristliche Ökumene und ihrer zentralen Frage nach der/dem Eucharistiefeier/Abendmahlverständnis, was für das Phänomen des Wunders gilt (s. o: Der zweite Senryu ?Ursprung?). Außerdem glaube ich mit C. G. Jung und gegen den Heidelberger Katechismus, dass Opfertod und Auferstehung Jesu Christi dramatisch in jeder Eucharistiefeier wiederholt, ?aufgeführt? vergegenwärtigt, verwirklicht werden, wie ja beispielsweise auch die Feste des Kirchenjahres regelmäßig wiederholt werden, obwohl es das große Fest schon gegeben hat und obwohl das große Fest erst kommen wird (Ich glaube, dass viele religiöse Aussagen paradox sind). Die Identität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darf wohl Ewigkeit genannt werden. Das Ergebnis dieser Einsichten ist jedoch nicht unbedingt eine Konversion, sondern der Versuch, mein Eucharistieverständnis in meine Konfession einzubringen. Dies als Glied der auf direkter Demokratie beruhenden evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz.

Zur Erläuterung: Der Heidelberger Katechismus polemisiert gegen ?die Papisten?, dass der Opfertod Christi nicht immer wieder nachvollzogen werden muss.
Man kann auch sagen, dass Christus in jeder Eucharistiefeier ver-körpert wird. Geschaffen wird eine neue Wirklichkeit durch das Medium des ?Wortes?, unter der Vorausetzung, dass ?Wort? nicht umgangssprachlich-naiv mit der umgangssprachlichen Rede gleichgesetzt wird. Es gibt viele Medien, in dem das ?Wort? verkündet werden kann: durch Bilder, durch Musik, durch Sprache – eben die umgangssprachliche, das Schweigen, den Schrei oder eben durch die literarische Sprache: die epische (vgl. ?narrative Theologie?), die lyrische oder eben
die dramatische. Zur weiteren Verdeutlichung eine autobiographische Erinnerung: Als meine Mutter einmal familiär zur Teilnahme an einer katholischen Messe teilnehmen musste, sagte sie anschließend enttäuscht und traurig: Der Pfarrer hat ja gar nicht gepredigt, er hat nur Theater gemacht. Die Erinnerung bringt die Sache auf den Punkt, den römisch-katholischen Sinn für Dramatisches. Immerhin ist der ?ecclesia reformanda et semper reformanda? zugute zu halten, dass sie stellenweise so reformiert ist, dass ich in einer TV-Übertragung einen Gottesdienst sah, in dem ein Bibliodrama aufgeführt wurde, und das ausgerechnet in der Kathedrale von Genf, einer der Wiegen der Reformation, wo das Theater zu einem der größten Tabus geworden ist.


3. Senryu zu geistlichen Liedern oder Im Anfang war das Wort

Vorbemerkung:

Schon lange reizte es mich, über ein oder einige Kirchengesangbücher (theoretisch) zu arbeiten. Ich hätte eines oder einige als künstlerisches Ganzes darstellen wollen .Dies erwies sich als unmöglich, denn neben bedeutungslosen befinden sich auch m.E. auch bedeutungsschwere, so dass eine Interpretation auch nivellierend gewirkt hätte. Als Folge habe ich ?flächendeckend? das jeweils erste mich emotional ansprechende Wort (Substantiv) ausgewählt und dazu einen Senryu geschrieben.

Ausgewählt habe das Gesangbuch der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz, 1998 = RG (Liedanfänge, Zwischentexte und Bibelzitate), das katholische Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz = KGB, ?So gross ist der Herr? (Platin Edition, freikirchlich), ?Dir singen wir? (kath.), Steinach 2003) und das rkg = reformiertes Gesangbuch 1951.
Wenn ein Wort schon in den je vorausgegangenen Büchern schon aufgegriffen wurde, wird es in den nachfolgenden nicht mehr aufgenommen.






3.1Gesangbuch der evangelisch-reformierten Kirchen der deutschsprachigen Schweiz (RG)


3.1.1 Lieder


Abend

Herr bleibe bei uns
Denn Abend will es werden.
Der schweigende Tag.


Andacht

Andacht und Stille
Sind Geschenke des Höchsten,
Sie trösten zutiefst.


Maiandacht

Blühende Andacht.
Im Liebesmonat singend
Mit hellen Stimmen.

Ave Maria
Gegrüßt seist Du, Maria.
Rosenkranzandacht.


Anfang

Anfang und Ende
Bergen die Mitte der Zeit.
Sie sind verborgen.


Advent

Ad-vent ist An-kunft
Bei der es Gott drauf ankommt,
Dass uns nichts ankommt,

Was Zu-kunft verbaut,
Bei der es Gott drauf ankommt,
Dass Freude aufkommt.


Alter

Im Alter schlagen
Lebensbäume nochmals aus,
Zum Himmel reichend.


Angesicht

Heb Dein Angesicht
Auf mich und schenk mir Frieden,
Bleib immer mit mir.


Angesicht

Mensch und Gott kommen
Angesichts des Angesichts
Aufeinander zu.


Antlitz

Dein Antlitz leuchte
Über uns und sei uns gnädig,
Immer und ewig.


Antwort

Gott beantwortet
Alle Fragen, die richtig
Gestellt worden sind.


Atem

Ein- und ausatmen.
Diastole - Systole.
Takte im Weltall.


Auen

Auen und Wasser,
Korn und Trauben in Fülle
Schenkst Du, großer Gott.


Auferstehung

Auferstehung fing
Immer gerade jetzt an
Und hört niemals auf.


Aufgang

Ewigkeit ist wie
Mitternachtsonnenaufgang
Im dunklen Winter.


Ausgang und Eingang (Psalm 121)

Ausgang und Eingang
Sind behütet von nun an
Bis in Ewigkeit


Baum

Vom hohen Baum
Der Jahre fällt ein Blatt ab
Auf Halme von Gras.


Berge

Sinai und Tabor
Orte der Gotteserfahrung.
Kreuze auf Bergen.


Blühen

Welken und Blühen
Wechseln sich ab wie braun und bunt.
Bis ans Weltende.

Blühen welkt zur Frucht,
Das Leben stirbt zum Blühen,
Auferstehung wird.


Brot

Wir teilen das Brot
Gemeinsam, miteinander.
Mitteilbarer Wein. Oder: wir teilen auch den Wein.


Brücken

Eine Brücke bricht
Nicht so leicht, wenn Gott sie baut
Zwischen den Menschen.


Christen

Christen müssen nicht
Erlöst aussehen, ihnen
Ist Trauer erlaubt.


Die Deinen

Wir sind die Deinen
Mag es auch scheinen, dass Du
Nicht gut und lieb bist


Ding (Psalm 92)

Ein köstliches Ding
Ist es, dem Herrn zu danken
Und zu lobsingen


Buch

Ein offenes Buch
Ist die Schöpfung dem Leser,
der zwei Bücher kennt. Oder: der ein zweites kennt.


Eine feste Burg

Eine Burg festigt
Und birgt. Von allen Seiten
Umgibt sie dich ganz.


Dank

Danken ist Denken
Mit deinem ganzen Herzen,
Und ganzer Seele.


Dienst

Dienen und Demut
Sind veraltete Worte.
Herr sei Sprachschöpfer!


Dornwald

Maria trug Leid
Wohl eine ewige Zeit.
Geritzt ist ihr Kleid.


Dunkel

Dunkelheit birgt Licht
Wie ein Kind im Mutterleib.
Der Docht löscht nicht aus.


Enden

Ende und Anfang
Ereignen sich im Sterben.
Jesus lebte es.


Eigen

Eigen ist mein Sinn,
Herr, nimm ihn hin, mir selber
Zu gut und zu lieb.


Enge

Enge und Weite
Stehen in Deinen Händen.
Du wendest alles.


Engel

Engel verkünden
Das Wunder von Weihnachten.
Die Hirten sind froh.


Erbarmen

Gott erbarmt sich jäh
Sobald der Mensch so aufschreit
Wie ER es verlangt.

Erbarmen tritt ein
Wenn Gott vom Eifer ablässt,
Auch Zorn genannter.


Erde

Erdhaft geerdet.
Von und zu der Erde geht?s.
Dazwischen liegt viel.

Gott ist geerdet.
Sein Kreuz stand auf dem Boden
Unter dem Himmel


Erlösung

Eure Erlösung
Naht. Macht den Weg gerade!
Ebnet die Berge.


Eselein

Ochs und Eselein,
Symbole für Kreatur,
Tragen die Szene.

Ochs und Eselein
Symbol für Instinkthaftes
Tragen den Heiland


Feld

Hirten auf dem Feld,
Ausgestoßene hören
Die Engel zuerst.


Fels

Petrus ist der Stein,
Brauch ihn für Deine Kirche.
Doch brauch auch Steinchen!


Feuer

Zieh die Schuhe aus,
Wende dein Angesicht ab
Der Busch brennt tötend.


Fragen

Vor Gott sind Fragen
Immer nur Kinderfragen.
Gott ist die Antwort.


Freude

Die Freude an Gott
Und die Freude am Menschen
Sind unzertrennlich.


Freund

Ich bin Gottes Freund
Bis hin zum nächsten Streiten.
Es kommt beizeiten.


Freundlichkeit

Der Herr ist gütig.
Ein guter Freund ist der Herr,
Der Herr ist freundlich.


Frieden

Mit Fried und Freud fährt
Luther dahin. Er überwand
Depressionen.


Fülle

Fülle des Lebens
Und Fülle des Erbarmens
Hast Du verheißen.

Gaben

Herr, Deine Gaben
Sind über-, überquellend.
Dank sei Dir dafür.


Garten

Gethsemane ist
Immer unter Geschwistern,
Die Unrecht leiden.


Gäste

Ein Gast auf Erden
Ist mehr als ein Gasthaus voll
Säufer im Diesseits , oder: in der Welt.


Gedächtnis

Gedächtnis für Gott.
Für Dich spende ich Kerzen.
Ich bete für Dich!


Geheimnis

Geheimnis bleibst Du
Verborgen den Gläubigen,
Du liebst sie trotzdem.


Ge-müte

Aller Mut vereint,
Zusammengenommenen.
Mächtig sind Schwache.


Geschöpfe

Seinen Geschöpfen
Hat Er Atem eingehaucht,
Unentgeltlichen. Oder: gratis und franko.


Gestalt

Das Wort war bei Gott,
Und das Wort nahm Gestalt an
Im Schweigen Gottes


Gewaltlos

Gewaltlos starbst Du
Dein Tod war Skandal, Jesus,
Doch ohne Presse.


Glänzen

Sterne, die glänzen,
Glänzen nicht nur, sie tanzen
Durch die Weltallnacht.


Glück

Am Ende bleibt Glück,
Das Unglück aufhebt im Trost.
Zum Glück tröstet ER.


Glauben

Glauben macht selig,
Es ist mir ernst, nur Glauben
Erhält am Leben.


Gnade

Sola gratia
Zerfällt das Wort vom Opfer
Doch Gaben bleiben

Sola gratia
Sinkt der Opfergeldkurs brüsk
Doch Gaben bleiben.


Großes

Kleines wird Großes
DU stellst alles auf den Kopf.
Revolution!


Grund

Gründe sind eitel,
Und die Gründe der Gründe,
Denn Gott ist grundlos.

Grund ohne Abgrund
Bist Du mein liebster Jesus,
Du trägst und hältst fest.


Güte

Deine Güte reicht
So weit die Himmel reichen,
Die uns umhüllen.


Gütigkeit

Deine Gütigkeit
Birgt Menschen, Pflanzen, Tiere,
Meere, Welt und All.


Hand

Ich lege alles
In Deine Mutterhände,
Allmächtiger Gott.


Haus/Ökumene

Gottes Haus ist voll
Unendlicher Wohnungen,
Jede die schönste.


Himmel

Aufgerissene
Himmel tauen und riegeln
Die Türen nicht ab.


Hirt

Schönstes Gottesbild
Aus der Bibel genommen:
Trotzt dem Bildersturm


Hoffnung

Ich hoffe auf Dich,
Denn die Hoffnung stirbt zuletzt
Und steht zuerst auf.


Holz/Volksglaube

Anfassen von Holz
Ist Mittragen des Kreuzes:
Das Kreuz ist aus Holz.


Hören

Hören wird möglich
Wenn die Tränen erstarren
Und der Mund verstummt.


Hüllen

Der Leib ist Hülle
Der Seele, die ihn verklärt.
Tempel des Geistes.


Jahr

Jedes Jahr wird neu
Dein Segen ausgeschüttet,
jahrtausendelang.


Jungfrau (nach Kurt Marti?)

Ein Mädchen bist Du,
Kaum der Schule entwachsen,
Bekommst schon ein Kind.


Ketten

Wo Ketten brechen,
Steckt Jesus dahinter.
Er hat uns befreit.


Kind

Er legte Kindern
Die Hand auf. Er nahm sie an
Und Er küsste sie.


Kirche

Kirche ist immer
Auch außerhalb der Kirche,
Zu zweit oder dritt.


Klage

Ich klage zu Dir,
Und werfe die Schuld auf Dich,
Ich klage Dich an!

Kleid

Seelenhochzeitskleid
Ist der Leib, um ihn gelegt
Wie Samt und Seide.


Kleinod

Schmuck meiner Seele!
Kleinod ist mehr als Kleinod.
Kleinod wird Großod.


Körner

Aus Körnern wird Brot
Aus vielen Trauben wird Wein.
Niemand bleibt allein.


Krippe

Körbchen und Krippe
Sind Gefäße der Wandlung
Der Auserwählten.


Kreuz

Ritz ein Kreuz ins Brot
Auf seiner Unterseite.
Iss es mit Andacht.


Land

Wasser, das uns trägt,
Ist das Land der Verheißung.
Unbewusst wird?s fest.


Last

Gott gibt uns die Last.
Er hilft auch, sie zu tragen,
Denn ER trägt uns mit.


Leben

Jenseits des Todes
Hört der Ernst des Lebens auf,
Aber nicht es selber.


Leib

Der Leib gebrochen
Mir zu gut und mir zu lieb
Vergossenes Blut.


Leid

Tragt Nöte und Leid
Behutsam wie ein Kleinkind.
Wein verschüttet nicht!


Liebe

Gottes Liebe ist
Unfassbar und unsagbar.
Gott ist die Liebe.


Lied

Spielt und tanzt dem Herrn!
Singt dem Herrn ein neues Lied!
Denn ER ist gütig!
Finsternis hüllt ein
Damit das Licht nicht flackert.
Feinde sind versöhnt.


Meer

An der Klippe zischt
Gischt, am Ufersand strandet
Das Wasser lautlos.

Wär ich Sandufer
Wenn Aggression anströmt,
Sie sanft auffangend.


Menschen

Menschennot und -leid
Ruhen in seinen Händen,
Seine Hand ruht schwer

Auf schweren Herzen.
Dennoch wird er erst gespürt
Wenn die Hand nicht ruht.


Mitte

Die Mitte der Nacht
Ist der Anfang des Tages.
Der Anfang ist leicht.


Mitternachtsstunden

Mitternachtsstunden
Sind wie Knospen von Blüten,
In denen der Tag steht.


Mond

Die Nacht ist nahe
Der Mond betritt seine Bahn,
Die Sternlein prangen.


Morgen

Ein neuer Morgen
Ist die Knospe des Tages
Sonnengerötet.


Nacht

Die Nacht ist nahe.
Berge mich in Deiner Hand,
Ruhig und gestillt.


Nächstenliebe

Bitte um Nächste,
Die dich lieben wie sich selbst,
Glaube ans Jenseits.


Quelle

Zum Bächlein helle
Wird die Quelle mit ichthys
Wie Löwe und Lamm.


Ros?

Eine Rose blüht
Mitten im kalten Winter
Zum zweiten Male.


Ruh

Müde bin ich, geh
Zur Ruh, Vater sage Du:
Wo liegt Gezuruh?


Sache

Gottes Sache
Ist eine ganze Sache
Und unendlich groß.


Salz

Erde ohne Salz
Ist wie Dünger ohne Kot.
Verwesung riecht warm.


Samen

Samen auf das Land,
Samen, durch die Finger rieselnd
Samen aus der Hand.


Schafe

Zeichne mir ein Schaf
Und ich zeichne dir auch eins,
Dem Petit Prince gleich.


Schatten

Licht ohne Schatten
Bist Du, mein liebster Jesus,
Strahl nur immerzu!


Schiff

Jesus schläft im Schiff,
Petrus sinkt, weil er nicht glaubt,
Dass das Wasser trägt.


Schlaf

Behüt meinen Schlaf,
Mein lieber Gott, schenk Lider,
Die Augen wärmen.


Schritt

Mit jedem Schritt
Nimmsch mi mit in es Land
Ohni Leid und Not.


Schweigen

Schweige und höre
Neige deines Herzens Ohr,
Gib uns den Frieden!


Schwestern

Schwestern und Brüder
Wohnen friedlich beisammen.
Alle in Frieden.


Seele

Ich seele mich atmend.
Wer den Atem klebend hält,
Wird ihn verlieren.


Singen

Singe und arbeite
Liebe, spiele und danke
So lang es Tag ist.


Sinnen

Der Sinn des Lebens
Im Sinn von Tod und Leben
Ist Sinn des Lebens.


Sonne

Die güldne Sonne
Voll Freud und Wonne bringt Licht
Herzerquickendes.


Spiel


Wo Gott im Spiel ist,
Hat Not nicht Dauerchance,
Nur Not-wendiges

Mein Gott spielt mit mir,
Wie man mit einem Kind spielt
Und ist immer da.


Sprache

Sprachloses Staunen:
Schöpfung und Auferstehung
Drei Tage darnach.


Speise

Speise uns mit Brot,
Tränk uns mit Wein aus Wasser
Und komm bald wieder.


Stadt

Wenn man euch aufnimmt
In einer Stadt, schüttelt nicht
Staub von den Füssen.


Stall

Ein kleiner Stall reicht,
Eine Wohnhöhle, mit Mist
Gefüllt und erwärmt.


Staub

Zu Staub und Erde,
Sand und Asche zerfällst du,
Doch Staub wird verklärt.


Stein

Der Stein ist entfernt.
Der Morgenstern ging auf und scheint.
Der Sturm ist geschweigt.


Stern

Stern vo Bethlehem
Hus vo Brot, mir händ Dich gern.
Mir lueged und gsend.


Stille

Stille in Fülle
Ist nicht laut oder leise,
Sondern ist beides.


Stimme

Meine Stimme trägt
Mich auf den Händen, denn Du
Trägst mich auf Deinen.


Stunden

Mitternachtsstunden
Wenden Nächte in Tage
Und lassen hoffen.


Tage

Die Schöpfungstage
Beginnen alle abends
Nach vollbrachtem Werk.


Teilen

Unteilbar ist Gott,
Doch mitteilbar dem Menschen
Durch Teilen von Brot.


Tisch

Kein Tisch ist reicher
Als der, den Du gedeckt hast
Mit Erdengaben.


Tiefe

Tiefer als Tiefe
Ist der Ort, an dem ich schrie.
Du schreist am tiefsten.


Tod

Mitten im Sterben
Umgibt uns das Leben ganz,
Jesus erhielt es.


Träume

Träum Dich durch Bibel
Und das Kirchengesangbuch,
Denn Bilder sind wahr.


Traurigkeit

Meine Traurigkeit
Über die Trennung von Gott
Hat keine Grenzen.

Meine Traurigkeit
Über die Trennung von Gott
Hat eine Grenze:
Jesus!


Treue

Treue bezahlt sich
Nicht selten nicht aus, oft fehlt
Es an Wechselgeld.


Trost

Mein einziger Trost
Im Leben und im Sterben:
Ich bin Dein, nicht mein.


Türen

Die Tür steht offen
Sie führt zum Weg ins Leben,
Dem Ziel von allen.


Verheißung

Es ist verheißen,
Dass aus Sand Erdenland wird,
Begehbar für Menschen.


Verlangen

Verlangen nach Dir
Habe ich im Überfluss
Und Du gibst reichlich.


Volk

Auserwähltes Volk,
Allerschwächstes und kleinstes,
Bleib dir selber treu.


Wagen (Zwingli)

Wege versinken
Herr nun heb den Wagen selb
Zie n?en usem Dräck.


Wahrheit

Wahrheit und Weisheit
Sind friedliche Geschwister:
Wahr ist auch weise.


Wälder

Wälder und Felder
Halten Menschen, Städt und Vieh.
Nun ruht die ganze Welt.


Wege

Ob schmal oder breit:
Bei Gott ist nichts unmöglich,
Er rettet alle.


Weisheit

Deine Weisheit hält
Das Niveau Deiner Schöpfung
Hoch und gründet tief.


Weite

Der Horizont reicht,
So weit Deine Güte reicht –
Umgekehrt geht?s auch.


Welt

Gott liebt diese Welt
Und ich liebe diesen Gott,
Vielleicht den Nächsten.


Werk

Zwei Werke, Herr,
Hast Du vollbracht: die Schöpfung
Und Auferstehung.


Wesen

Ich bin ein Wesen
Von Deiner Art und Wesen,
Denn Du erschufst mich.


Wind

Ein Windhauch flüstert
Trost. Ein Sturmwind fegt und weht
Alle Schmerzen weg.


Winter

Ein Krähenfuß trat
Eine Spur in Schneewehen.
Sie verwehte nicht.


Wohnung

Sende Dein Licht und
Die Wahrheit und leite mich
Zu Deiner Wohnung.


Wolken

Die Wolken ziehen
Wissen nicht, wohin. Nur Du
Bestimmst ihren Lauf.


Wort

Düstere Mächte
Werden zu Himmelslichtern
Durch Gottes Wort.


Wüste

Keine Oase
Entsteht ohne die Wüste.
Johannes weiß es.


Wunden

Blutende Wunden
Stillt man am besten mit Tuch
Aus Tränen gewebt.


Wunder

Nicht Zauberstücke,
Sondern Bild und Gestalten,
Vergebungswirkend,


Wurzel

Wer in Gott wurzelt
Trägt Früchte und verblüht nie.
Er ist geschwängert.


Zeit

Wer Zeit sagt, sagt auch
Ewigkeit, die allzeit weht
Über Zeit zu Zeit.


Ziel

Herr, mein Ziel bist Du.
Auch mein Anfang lag bei Dir.
Herr, nimm beides auf!


Zuflucht

Du meine Zuflucht
Wie Neste für Vögel und
Häuser für Schnecken.


Zukunft

In der Zukunft wird
Die Gegenwart vergangen
Und vergeben sein.


Zuversicht

Zu-vor-sicht: zuvor
Sieht oft alles schlimmer aus,
Als es nachher ist.




3.1.2 Zwischentexte im RG


Alleinsein

Einsamkeit öffnet
Oft den Weg zu Gott und Mensch.
Herr, schenk Dreisamkeit!


Älterwerden

Tiere, die sich nicht
Bewegen, werden oft alt
wie Krokodile

Ehe ich breche
Wie ein Halm im Wind, küsst mich
Lebensvorahnung.


Anliegen

DIR liegt nicht daran,
Dass wir Anliegen kennen.
DU kennst sie besser.


Ausflucht

Zuflucht, nicht Ausflucht
Zutrauen, nicht Misstrauen
Doch nicht Zuschauen.


Ausschau

Ausschau nach Schiffen
Und Ausschau nach Liebe führt
Sicher zu Ufern.


Bild

Der Mensch ist Abbild
Gottes und nicht umgekehrt.
Der Mensch denkt, Gott lenkt.


Dunkel

Nächte sind dunkel,
Doch das Licht sein müssen wir.
Herr, sei unser Docht.


Elend von eli-lenti

Das Land der Andern
Ist Fremde, von Gott getrennt.
Herr, verbinde uns.!


Frost

Eine Seele friert,
Wenn sie von Gott getrennt ist.
Tauet, ihr Himmel.


Gelassenheit

Ruhig, gelassen
Senkt sich der Himmel aufs Meer.
Es droht kein Sturmwind.


Gerüst

Die Blutgerüste
Werden zu leeren Kreuzen.
Hoffnung täuscht niemals.


Gesichte

Eine Vision
Des Schreckens ist mir lieber
Als keine Vision.


Gespräche

Gespräche können
Oft den Tod überdauern
Nicht endlos ist er.


Kirche

Kirche ist auch da,
Wo sich über Waldwegen
Die Buchen biegen.


Krankheit

Vor Gott ist Krankheit
Niemals Krankheit zu Tode,
Sondern zum Leben.


Mutter

Mütterlich bist Du
Wie die Henne zu Kücken.
Deck mich mit Flügeln.


Schwermut

Schwermut trennt von Gott
Und verbindet sich mit ihm
Im Dunkel des Grabes.


Ursprung

Ursprung und Quelle
Gründen in Dir, großer Gott,
Du bist auch das Meer.




3.1.3 Bibelzitate im RG


Arme

Selig sind Arme
Im Geiste, ihnen gehört
Das Reich der Himmel.


Auserwählte

Schwächste und Kleinste
Fallen in den Blick der Wahl,
Die Gott selber trifft.


Bäche

Ein Bach wird zum Fluss
Durch viele Bäche, ein Leib
Durch viele Glieder.


Mann

Als Frau und Mann schuf
Er sie. Die Frau ist Rippe,
Tragendes Rückgrat.


Fasten

Fasten und Feste
Sind Kehrseiten der
Gleichen Medaille.


Finsternis

Finsternis legt sich
Als Mantel um das Licht. Sie
Schützt und hütet es.


Fische

Nur als fünf Fische
Und zwei Brote braucht Glauben ===
Zur Speisung vieler.


Freude

Ein schönes Sterben
Ist mehr Grund zur Freude als
Ein schönes Leben.


Gedanken

Sammle Gedanken
Wie Münzen im Opferstock.
Du wirst reich werden.


Gleichnis

Gleichung und Gleichnis
Sind verschiedene Größen.
Eine ist größer!


Gras

Biblisch ist das Gras
Nur einmal grün, doch es grünt
In der Bibel immer.


Jünger

Wer pubertierend
Nicht seine Eltern hasst, verliert
Keine Erbsünde.


Kreis

Im Kreis des Reigens
Gibt es keine Ecken und
Keine Quadratur.


Mantel

Bartimäus gibt
Seinen ganzen Mantel hin.
Martin verteilt ihn.


Menge

Menge jubelt zu.
Menge verdammt. Es bleibt das
Individuum.


Nachkommen

Nachkommen kommen
Einander oft im Streiten
Zuvor. Das kommt vor.


Ort

Wer kennt Zeit und Ort,
An dem das Wunder eintritt?
Eintreten wird es.


Reben

Herbst ist angesagt:
Weinlaub, das von Reben fällt,
Fruchtoffenbarend.


Reichtum

Inneren Reichtum
Haben Arme schon heute.
Äußeren morgen.


Rettung

Wie Rettungsboote
Schwimmen Inseln der Hoffnung
Auf der Meerwüste.

Verwesliches wird
Verklärt. Unverwesliches
Verklärt es sicher.


Sabath

Du sollst auch das Vieh
Ruhen lassen, Dreschochsen
Mitessen lassen.


Schöpfung

Die ganze Schöpfung
Erhebt sich zum Himmel und
Strahlt wie dieser selbst.


Tal

Im finsteren Tal
Blühen Orchideen auf
Holz zwischen Blättern.


Ufer

Am andern Ufer
Holst Du in Schuld verstrickte
Menschen aus Netzen.


Wasser

Lebenselement-
Nicht auf die Erde beschränkt?
Doch =eine Schöpfung!


Weiden

Auf der Weide tropft
Letzter Schneeflaum zum Rinnsal.
Der Hirt wird kommen.


Zuflucht

Zuflucht bist Du mir
Wie Neste für Vögel und
Häuschen für Schnecken.




3.2. KGB-Meditationen (Katholisches Gesangbuch der deutschsprachigen Schweiz, 1998)


All

Das All trieft vor Glück,
Milchstraßen überschäumen,
Denn Gott erschuf sie.


Aussendung

In die Gesellschaft
Gehet hinaus und lehrt sie
Meine Gebote.


Barmherzigkeit

Schlachtet das Kalb
Und nehmt die besten Kleider
Denn er war verloren.


Bedrängnis

Nach dem Gewitter
Schweigt der Sturm stille. Leid und
Bedrängnis hört auf.


Boot (ein nahezu echter Haiku, Plagiat)

Seerosenblätter
Wurden Boote für Frösche.
Sicher Kenternde.


Ferne, meiner Mutter

In ferne Lande
Gehst du, ganz allein, wie Du
Geboren wurdest.


Frau

Rahel, das Schaf,
Trägt den Namen des Tieres,
Schatz der Nomaden.


Fremde

Sich selber fremd wird,
Wer den Fremden nicht aufnimmt,
Inner dem Tore.


Geduld(sspiel)

Sieben Kügelchen
Durch zwölf Ringe mit Löchern
In die Mitte gezielt.


Gefangene

Gefangen im Leid
Leben wir lieber länger.
Lebensqualität?


Grenzen

Wandle die Grenzen
Meiner Liebe ins Weite.
Grenzenlos liebst Du.


Herde

Zu Deiner Herde
Führe mich, mein guter Hirt,
Trag mich auf Schultern!


Klein

Klein und unscheinbar
Wie Soldanellen im Schnee
Beginnt das Große.


Nebel

Neblig ist Glauben,
Doch die Sonne bricht durch am
Ende der Tage.


Rand

Randvoll ist der Kelch
Von Klischeevorstellungen,
Die ich einfülle.


Regenbogen

Am Regenbogen
Krabbeln Marienkäfer
Hellblaugefärbte.


Schöpfung

Gott rief die Schöpfung
Ins Leben. Er erhält sie
Und nährt sie liebend.


Schwelle

Schwelle des Todes
Zwischen Jenseits und Diesseits.
Gott, hebe sie auf.


Spuren

Fußspur aus dem Nichts
Ins Nichts des Weltalls gedrückt
Durch Gottes Güte.


David

Tau klebt an Waden
Der kleine Fuß glänzt im Gras.
Geschleudeter Stein.


Taube

Heer ohne Tauben
Wurde leider topmodern
Die Feldpost gurrte.


Umkehr

Der Weg wendet sich.
Ohne Umweg kehren wir um,
Bei entferntem Stein.


Vöglein

Vögel des Himmels
Fallen als Meister herab.
Wir Lehrlinge!


Wachen

Wachend und schlafend
Schart sich die satte Herde
Um den Wachenden.


Waise

Waisen wären wir
Ohne Dich, Vater im Himmel,
Wende Dich zu uns!


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Zeichen

Die Zeichen zeigen
Auf Glaube, Liebe, Hoffnung,
Diese drei bleiben.




3.3. So groß ist der Herr (Platin Edition)


Durst

Ihr, die ihr Durst habt,
Ihr, die ihr Hunger leidet,
Nehmt vom Brot und Wein.


Felsen

Moos auf den Felsen
Deutet an, wo einst Wasser
Floss und fließen wird.


Gebet

Beten und Lieben
Vermeiden Müllberge und
Wegwerfgesellschaft.


Gegenwart

Gegenwärtiger
Gott, der Vergangenheit schuf
Und Zukunft erhält!


Halt

Du bist Halt und Haus
In diesen dunklen Nächten.
Auf Dächer fällt Schnee.


Höchste

Herr, Dich kennen sei
Das Höchste eures Lebens.
Seid Gipfelstürmer!


Honig

Türkischer Honig
Duftet nach Markt und Zirkus.
Herbstblätterfarben.


Lachen

Eva fragt Adam:
Liebst Du mich? Er antwortet:
Wen soll ich denn sonst?


Nähe

Du warst mir nicht fern,
Als die Not am größten war.
Sie lehrte mich beten.

Die Nähe Gottes
Spürt nur, wer die Ferne kennt.
Kein Trost ohne Leid.


Saum

Berühr nur den Saum
Seines Mantels, und das Blut
Hört auf zu fließen.


Schönheit

Schönheit und Glauben
Missbraucht durch den Krieg. Ver-gib
Und gib sie wieder.


Sehnsucht

Heimweh und Fernweh
Sehnsucht nach noch mehr legen
Den Boden für Dich.


Sein

Mein Sein ist Dir klar.
Du deckst es mit Flaumflügeln¨
Als Deine Küklein.


Seite

An meiner Seite
Bleibst Du unentwegt und treu.
Ich bleib an Deiner.


Sorgen

Ich tausche Sorgen
Ein gegen Freude am Herrn
Zu seiner Freude.


Ströme

Ströme versiegen.
Brachland mit Schlamm. Es blüht auf
Vom Wasser geküsst.


Veränderung

Deine Gnade wirkt
Umkehr und Wandel, Wechsel
Und Veränderung.


Verlangen

Bangen, === Verlangen
Stillst nur Du, mein Gott. Ich will
An Dir nur hangen.


Warten

Wir warten auf Dich
Bis Du kommst in Herrlichkeit
Auf einer Wolke.


Zentrum

Jesus mein Zentrum,
Glaube, Liebe und Hoffnung
Dir vertraue ich.




3.4. Dir singen wir


Anschauen

Anschauen will ich
Dein Bild und mich versenken
Ohne Versinken


Der Arme

Geistliche Armut
Ist nicht Nichtswissen, sondern
Wissen, dass man glaubt.


Die Arme

In DEINE Arme
Nimm mich, schenkend und bergend
Wie unter Flügeln.


Bitte

Bitte, bitte, Herr,
Ich bitte um Dich selber.
Lehr mich doch bitten!


Docht

Adams Rippe ist
Wie der Docht in der Flamme.
Die Dochte sind stark.


Kerze

Du verzehrst dich selbst,
Süßduftendes Lichtopfer.
Der Docht stirbt rauchend.


Ernte

Ernte bedeutet
Nicht von der Hand in den Mund,
Sondern auch Saatgut.


Fest

Weiße Spitzen und
Schwarzer Satin duften nach
Weihrauch und Bibel.


Fisch

Zieht die Netze ein
Die Menschen sind gefangen.
Lasst sie alle frei.


Frau

Brüste, die nähren
Gebärmutter, die trägt. Wo
Bleibt der Penisneid?


Gefäß

Die hohlen Hände
Zum Gefäß geformt. Es hält
Das Brot und das Wort.


Geschick

Die Vorsehung führt
Alle zum Ziel, doch nicht alle
Auf dem selben Weg.


Heilung

Heilung zum Leben
Von der Krankheit zu Tode
Ist uns verheißen.


Leib

Mit dem Leib sind wir
In der Welt. Mit der Seele
Auch in den Himmeln.


Sanftheit

Sanft wie Schneeflocken
Auf Halme senkt sich Dein Geist
Auf mich. Stärk den Halm.


Senfkorn

Das geringste Korn
Strebt senkrecht auf zum Himmel,
Nestergewährend.


Silber

Aus Silber und Gold
Sind die Kreuze gefertigt
Denn ER auferstand.


Sorgen

Hüll meine Sorgen
In DEINEN Mantel aus Licht.
Wärmeverströmend


Stufen

Die Stufen zum Thron
Führen hinab, nicht hinauf,
Zur Krippe im Stall.


Tanz

Sunnechringeli
Röselichranzli, chom liebs
Chindli, chom zum Tanz.


Verborgenheit

Verborgener Gott,
Nahe bist Du in und jenseits
Des Geschöpflichen.


Vertrauen

Urvertrauende
Hingabe schafft den Glauben,
Liebe und Hoffnung


Wunsch

Gott erhört Wünsche,
Wenn die Kraft fehlt zum Gebet.
Ich bin Sein Wunschkind.




3.5 Gesangbuch der evangelisch-reformierten Kirche der deutschsprachigen Schweiz 1952


Abschied

Tote werden Engel
Ihr guter Geist umgibt uns
Auf allen Wegen.


Arbeit

Im Weinberg des Herrn
Sind auch Trauerarbeiter.
Trauben sind kostbar.

Beständigkeit

Platin, Silber, Gold.
Doch schenk mir Beständigkeit,
Hochkarätige.


Blick

Meine Verletzung
Blick an., so wird sie heilen
Weils Dich nicht ekelt.


Einigkeit

Lass mich einig sein
Mit Dir und Mensch und Tieren,
Pflanzen und Steinen


Erscheinen

Einst bat ich: Christus
Erscheine mir. Der Lichtstrahl
War Kurzschluss im Haus.


Grab

Im Garten liegt das Grab.
Forsythiengelb hängen
Zweige darüber.


Häuflein

Mach aus dem Häuflein
Einen Haufen von vielen,
Die Du errettest.


Herde

Um eines Schafes
Willen lässt Du die Herde
Und rettest sie ganz.


Luft

Die Luft flimmert heiß
Über Gleisen und Straßen.
Gott send Gewitter!




4. Teil Menschliches und Zwischenmenschliches


4.1 Senryu zum Thema Begegnung, Nähe, Genießen


4.1.1 Aus der Vogelperspektive


Möwen im Abstand
Von neunzehn Zentimetern.
Ich mag es näher.

Spatzen auf Dächern
Brechen auf zum Schwarm, doch ich
Suche mehr Distanz.

Tauben, die gurren
Suchen gleich mir den Partner.
Sie schnäbeln früher.

Vögel des Himmels
Sammeln nicht und ernten nicht,
Doch ich habe Angst.

Sammeln und Ernten,
Nicht von der Hand in den Mund
Wandern die Kirschen.

Angst verdirbt Genuss
Wie Pfeffer in der Sahne.
Tu ihn ins Töpfchen.

Täubchen zog ich auf
Mit Eigelb und Reiskörnern.
Sie sperrten zur Hand,

die sich zum Füttern
öffnet und einen Ring trägt.
Sie picken an ihm.


4.1.2 Nahrung


4.1.2.1 Essen und Altwerden


Am Lebensende
Decken wir den Tisch nicht mehr
Mit Goldrandtassen.

Wir essen Fastfood,
Aber wir teilen sogar
Die Suppenschüssel,

Nicht nur Tisch und Bett,
Denn beides wurde wacklig
Im Laufe der Zeit.

Ein Käsefondue
Ist gut, gibt Nähe, Genuss,
Dazu Begegnung.

Brechen des Brotes
Und Verteilen der Fische
Nährt Seele und Leib.

Geh nach Afrika,
Gott, hier bist Du mir zu nah.
Afrika hungert.

Jesus teilt keine
Altbackene Hostien
Aus zur Begegnung

Von Geschlechtern und
Von Generationen.
Das Brot geht nie aus.


4.1.3 Jahreszeiten


Frühling

Marienkäfer
Mit fünf und mit sechs Punkten
Machen elf Kinder.


Sommer

Drückende Schwüle
Unter dem schwarzen Himmel.
Böen, Blitz , Tropfen.

Das klatschnasse Hemd
Trotzt den Elementen und
Fühlt sie wie Häute.


Herbst

Ich berge den Kopf
In Deinen buntroten Schal,
Der Nebel durchstieß.

Doch dieses Jahr dient
Der Nebel als Schal, Du trugst
Den Schal zu allerletzt.

Dein buntroter Schal
Dein abgelegtes Kleid ist
Schmetterlingshülle.

Nicht braune Puppe,
Sondern buntrote Pracht ists,
Was Du mir vermacht.

Wie viel bunter wird
Das Leben sein, wenn der Tod
Schon wollfarbig ist!


Winter

Mitten im Winter
Taut?s! Gib die Hoffnung nicht auf
Auf Schlittlen zu zweit.


4.1.4 Behinderung


Taubblind (autobiographisch)

taubblinder Pate,
Findest die Ackerfurche
Mit tastendem Fuß.

Liest die Kartoffeln
Auf ohne Murren, sieht nicht,
Wie sattgelb sie sind.

Hört die Schwalben nicht,
Die sich versammeln zum Flug
Gute, alte Zeit

Mit Schwalben, === ohne
Maschine, die Taubblinde
Überflüssig macht,

Vor allen andern
Unbarmherzig. Barmherzig
Ist die neue Zeit,

In der Taubblinde
Tanzen lernen und rauchen
Statt Knechtlein zu sein.


Gebet

Abstand und Nähe
Liegen, Herr, in Deiner Hand.
Behüte beides!

Begegnung oder
Rückzug halten sich das Maß,
Das Genuss ermöglicht.

Herr, schenk mir Genuss
Von Begegnung und Nähe.
Abstand und Rückzug

Doch erspar mir möglichst Distanz!


4.2.1 Der andere Ton


Der andere Ton
Weht um Kreuze auf Bergen,
Tönt trotzdem nicht hohl.


Meister Eckhart

Der andere Ton
Ist nicht da und ist nicht hier,
Doch er ist in dir.


Guggemusik

Der andere Ton
Purzelt aus der Tonleiter
Etwas zu vorlaut.

Der andere Ton:
Hansdampf in allen Gassen,
Nirgends zu fassen.


Der etwas andere Ton

Down-Syndrom ergibt
Den etwas anderen Ton,
Doch er klingt strahlend.

Amen


4.2.3 Senryu zu Hamann


(Poetische) Sprache

Aus Gott geboren
Bildhaft und klangvoll, umfasst
Zeichnen und Singen.


Lk 9,45

Sie fassten das Wort
Nicht und erschraken zutiefst
Am Kern der Vernunft.
Der Kern der Vernunft
Ist Vernunft über Vernunft,
Wort über Wörter.

Vernunft der Vernunft
Macht seliger im Sprachfluss
Aus Gottes Quelle.


Kabbalistische Sprache

Vor Unverständnis
Wählst Du das Missverständnis.
Großer Kabbalist


4.3 Hamann und die Postmoderne


Es ist wahr, dass es
Mehr als eine Wahrheit gibt.
Sonst schriebe niemand.

Die Metawahrheit
Vieler Wahrheiten tangiert
Die Postmoderne,

Nicht aber Hamann,
Evangelium bleibt ihm
Die eine Wahrheit.


Röm 10,8

Vernunft und die Welt
Sind nahe in Mund und Herz,
Denn das Wort ist es.


Über die Sprache

Grün und blau sind eins
In Sprache und Wahrnehmung
Der Indianer.

Ein Wort, eine Farbe,
Mit Grüßen von Humboldt und
Whorf und Sapir.

=== doch sagt die Sprache
Im Begriff ?Be-griff? selbst, dass
Sie unnötig ist.


Muttersprache

Die Muttersprache
Des menschlichen Geschlechts hofft
Nach Babel weiter

Ewig empfängt sie
Die Ruah am Tag fünfzig,
Vom Vater gesandt.


Poetische Sprache

Von Metaphern
Kommt die Sprache, und sie wird
Selbst metaphorisch.

Ein Text, verwoben,
Vielschichtig und geschmeidig
Und tief gegründet.

Mehrdeutig dunkel
Aus dem Urgrund geschaffen
Von Gott und Göttin

In ihm, gehalten,
Gewirkt aus Silber und Gold,
Umspinnt die Menschen.

Ver-dichtend fügen
Sich Worte zu Burgmauern,
Die immer fest sind.


1 Kg 22,13

ES stiftet den Sieg,
Einer ist eins mit allen.
Micha lebt weiter.

Seltene Eintracht
Entsteht durch Unterredung
Von zwei Königen

Und von vierhundert
Propheten von einem Gott
voller Widerspruch.



Mt 13,22

Wo das Wort erstickt
Zerfallen die Elemente
Zu Staub und Asche.

Die Elemente
Werden neu aufgerichtet
Durch das ?es werde?.

Zerfallen in Luft,
Wasser, Feuer und Erde
Ersteht das Ganze.

Wiedergeboren
Durch gefundene Sprache.
Poesie gibt Sinn.


Das Unsagbare

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© Hedwig Schweizer
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